Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1922)
- Date
- 1922-09-01
- Page
- Seite 320 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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320 Die religiöse Immanenz Brod1) z. B. nennt sein religiöses Werk ein Bekenntnisbuch0 Damit 1wäre eigentlich die Spitze jedes möglichen philosophischen Angriffs abgebrochen: ein Bekenntnis zum Judentum. Man könnte meinen, gewissermassen ein rein künstlerischer Akt. Aber doch nur zum Teil. Denn religiöse Existenz ist continuierlichstes Erfasstsein, während das immer Continuierliche am künstlerischen Dasein schon in’s Religiöse mündet. Immer schafft das künstlerische Leben und Tun doch aus der menschliehen Individualität, die sich durchaus als Wertmasstab fühlt und erst die Welt als künstlerische Totalität aus sich herausgebiert. Das eigentlich religiöse Leben aber schafft primär aus der religiös erlebten Welttotalität; sekundär entsteht die jeweilige Geisteshaltung des Einzelnen. Beidemal ist der Gegensatz Welt-Individuum2) vorhanden, doch jedesmal im anderen fast umgekehrten Sinn: beim Künstler Welt als Erweiterung des Selbst, beim Religiösen Selbst als Einschränkung der Welt und ihrer ״göttlichen Wesenheit״; ein völlig verschiedener Akzent. (Selbstverständlich ist hier ein Gegensatz zweier Erlebnisinhalte, nicht der Gegensatz zweier Seinsweisen (Entitäten); denn die seelische Immanenz der Erlebnisinhalte wird hier gar nicht erkenntnistheoretisch gesprengt, vielmehr in beiden Bewusstseinsformen besonders ausgesprochen.) Daher ist religiöses Bekenntnis trotz alles Bekenntnishaften — wenn auch nicht wissenschaftlich — eine Auseinander- Setzung mit der Wirklichkeit, während es eigentlich gar kein künstlerisches Bekenntnis zur Wirklichkeit, sondern mehr eine künstlerische Selbsterkenntnis und ein Weltbekenen nur auf dem Wege über das eigene Selbst gibt. Weil aber hier so oft in einem steten Widerspiel der Schwerpunkt sich verschiebt — in der steten inneren Bildsamkeit der ruhelosen menschlichen Seele — begreifen wir auch, warum *) Max Brod: Heidentum, Christentum, Judentum. Ein Be« kenntnisbuch 2 Bände Kurt Wolff Verlag München. 2) Vergl. meine Aufsätze: Josef Israels (Jeschurun, Jahrg. VIII Heft 7/8) Koheleth (Der Jude, Jahrg. V, Heft 12)