Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1922)
- Date
- 1922-09-01
- Page
- Seite 319 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Die religiöse Immanenz 319 die ohne metaphysische Einstellung wohl gar nicht ermöglicht worden wäre: eine Einsicht, wie mir scheint, die höchst schwierige Verschlungenheiten beim Denkablauf auch im Bereich der individuellen künstlerischen und religiösen Schaffensart auf deckt. Einfach gesprochen; aus notwendig unzulänglichen Erkenntnissen, entstehen Werte, die gar nicht unzulänglich, sondern wahr (im werthaften Sinne) sind. Eine Tatsache, die aus dem heterogenen geistigen Habitus des Erkenntnishaften und Werthaften folgt und hier nicht weiter erörtert werden soll. — Klassischen Ausdruck hat jene künstlerische und religiöse Denkart bei Goethe gefunden. War nicht das Aqge sonnenhaft Die Sonne könnt’ es nie erblicken; Läg’ nicht in uns des Gottes eigene Kraft, Wie könnt uns Göttliches entzücken? Gewiss, unwiderlegbar ist die erblickte Sonne, Entzücken in uns. Kritisch unzulänglich erschlossen wird das sonnenhafte Auge, in uns liegende Gottes eigene Kraft — Für Goethe aber war diese Denkart innerlichst begründet Sie vertieft er י greifend sein ganzes künstlerisches Werk — das als solches schon kraft immanenter werthafter Selbstgenügsamkeit ״absolut״ dasteht — in einer wissenschaftlich unzulänglichen, aber ausserordentlich beglückenden enthusiastischen Weltbetrachtung. Hier hat das künstlerische Genie eine adäquate ״Philosophie״ geschaffen, ganz aus den Bedürfnissen des Gemüts, von kritischen Bedenken unberührt, weil doch fast jedem Künstler die ״theoretische״ Weltbetrachtung im künstlerischen Werk und künstlerischen Leben ergänzt, ja begründet wird, nicht aber (wie kritisch notwendig) theoretische Erkenntnis zunächst von künstlerisehem Leben und künstlerischer Tat getrennt ist und erst in einer allgeistigen Lebenshaltung mit ihnen vereinigt werden kann. — II. Doch das religiöse Dasein zeigt gegenüber dem künstlerischen wiederum eine Differenz, obwohl beide jenseits der Erkenntniskriterien sich ausleben. Jedes lebt in eigener Sphäre.