Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1922)
- Date
- 1922-07-01
- Page
- Seite 302 (sequence 62)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2292929-2293011-2293016--05767-2299050- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
302 Monistische Märchen Beseelung steht aber dem jüdischen Denken und Empfinden näher als irgend eine andere Naturphilosophie. Und nicht nur dem glaubenstreuen Juden widerstrebt die rein mechanische Weltanschauung, die den Menschen zu nichts Anderem als zu einer automatischen Maschine machen will, auch der religiös empfindende Deutsche lehnt diese Seite der Naturphilosophie ab. Er weiss, dass mit dem rein mechanischen Weltbilde, das in der Substanz die höchsten Werte erblickt, alle poetische Schönheit in ein Nichts zerfliesst, das mit dem Ausscheiden des gttlichen Funkens aus der Welt, diese ihres herrlichsten Zaubers beraubt würde. Das hat schon der ״grosse Heide״ Goethe, der bei all seinem Heidentum immer noch religiöser empfunden hat, als die Gemeinde der Monisten, ausgesprochen mit den Worten, mit dem er Holbachs Systeme de la Nature charakterisiert und das er so grau, so kimmerisch, so totenhaft findet, dass man Mühe habe, seine Gegenwart auszuhalten, und davor, wie vor einem Gespenst schaudere. — Das ist die Welt, die sich uns auftut, wenn wir der Materie eine Bedeutung einräumen, die ihr im RahmeD einer Befriedigung bietenden Weltanschauuhg niemals zugestanden werden kann. Sehr treffend zeigt Grunwald auf, dass der sittlich handelnde Mensch über dem Naturgesetz steht, das bei aller Wertung der Materie nur ״relative•Geltung“ besitzt. Denn, fragt er mit Recht: ״Stösst eine Entdeckung wie die der Röntgenstrahlung oder des Radiums nicht um, was bis dahin felsenfest dazustehen schien? Und hat man nicht sogar die Relativität der mathematischen Wahrheit erkannt? Hier greift das Judentum vermittelnd ein, sich von Einseitigkeit freiwissend. Sein sittliches Ideal vermeidet eben־ sowohl die Nüchternheit des strengen Verstandescharakters, als auch die Vorherrschaft des Gefühlsmässigen. Darin liegt das Wesen ״der Erkenntnis Gttes“, ״des Erkennens mit dem Herzen״. In der Synthese des sittlichen und Gemütslebens (und ich möchte hinzufügen: des Verstandesmässigen, das wie ein Gradmesser über diesen beiden Exponenten des Sinnenlebens wacht, אתה הראת לדעת) liegt das geschichtliche Wunder Israels. In der Art dieses Erkennens Gttes und seiner Weltschöpfung