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Jeschurun · 1922-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1922) · p. Seite 236

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
9 (1922)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1922)
Date
1922-05-01
Page
Seite 236 (sequence 60)
Language
German
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236 Ricarda Huch und Wir des nur schauenden Menschen in allen Kosmos. Daher habe auch die moderne Wissenschaft so verheerend gewirkt. Ueberhaupt wird vor dem menschlichen ״Verstand“ (im Gegensatz zu seiner ״Vernunft“) empfindlich gewarnt. Eine Art mystische Medizin wird gelegentlich empfohlen, und wir denken mit Grauen an alle Krankheiten der Seele und des Leibes, die nun statt nach den Gesetzen der Erfahrung in einer mystischen Natur־ beeinflussung geheilt werden sollen. — Und als Hauptkronzeuge für alles figuriert Goethe.— Nun wäre aber der Verf. eine Neuorientierung in dem weiten Kosmos menschlichen Denkens von frühesten Anfängen bis zum heutigen Tage innig anzuraten. Erst vrenn man diese ungeheure, anscheinend zunächst so verwirrende, nur dem Reiferen immer deutlicher und geordneter werdende Doppelnatur des menschlichen Bewusstseins erkennt: wie sie Kant einzigartig formuliert hat (1worauf gerade seine ewige Bedeutung beruht), eine Doppelnatur, die auch allen früheren ernsten Spekulationen über das menschliche Denken bewusst war, erst dann ordnet sich aller Kosmos menschlichen Gedankentunfs und zeigt zwei Haupttendenzen: Anschauung (im 1weitesten Sinn) und Erkennen (im weitesten Sinn). Jetzt begreift man — und man kann ruhig bei den primitivsten Völkern anfangen, Indien, Griechenland, Judentum, christliches Mittelalter, philosophische Neuzeit und Gegenwart eilendst durchmessen —, dass es eine Weltansicht wie die Ricarda H u c h ’s billigerweise nicht geben kann, vreil sie zwei innerlich getrennte Betrachtungsarten einfach ver־־ mengt und hier in einer Naturphantastik endet (übrigens rein dichterisch sehr reizvoll), während sie nach der anderen Seite ebenso unreif in einem Naturmechanismus enden könnte. Goethe hier als Kronzeugen anrufen, heisst: ein Genie, das alle eben kurz charakterisierte Vielfalt des menschlichen Denkens intuitiv geschaut und unaufhörlich formuliert hat, auf einen (übrigens etwas verworrenen) Standpunkt festzubannen. Denn die Welt für uns Menschen ist ״Kunst“ und ״Natur“. Die höhere Einheit zwischen Beiden ist nur erahnend zu erschauen und als irrationale Schau zu ״begreifen“. —

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