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Jeschurun · 1922-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1922) · p. Seite 232

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
9 (1922)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1922)
Date
1922-05-01
Page
Seite 232 (sequence 56)
Language
German
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232 Jüdische Friedhöfe einst und jetzt nur an den zersetzenden Einfluss der Spekulationswut unserer Tage mahnt, die alles Leben zu Grunde richtet. Beachteten wir bereits die Abmessungen und das Material der Grabsteine, so müssen wir auch die Inschriften erwähnen. Aus einem innig empfundenen Judentum herausgeboren, sind sie kulturgeschichtliche Dokumente, deren sich die jüdische Gemeinschaft nicht zu schämen braucht, sie sprechen in beredten Worten von ihrer inneren Festigkeit, die allen äusseren Anfeindungen zum Trotz ihr eigenes und oft die Zeitkultur überragendes Gepräge bewahrte. Heute enthalten die hebräischen Texte neben zahlreichen grammatikalischen Fehlern auch recht oft grosse Geschmacklosigkeiten, und die in der Landessprache verfassten sind meist sehr unerfreuliche Gemeinplätze. Zahlreiche jüdische Katakombeninschriften, z. B. in Rom, Venosa und Brintisio beweisen, dass man auch ohne die hebräische Sprache, doch mindestens im jüdischen Geiste, Grabinschriften verfassen kann, was sich von den modernen keineswegs sagen lässt. Hebräische Texte sind natürlich in hebräischer Quadratschrift eingemeisselt oder weisen sie in erhabener Arbeit auf. Diese ästhetisch ausserordentlich befriedigenden Zeichen gewähren einen besonderen ״jüdischen״ Reiz, den man doch nicht gar zu leichtfertig aufgeben sollte. Man braucht kein fanatischer Hebraist zu sein, oder aus falsch verstandenem Glaubenseifer heraus jede deutsche Inschrift zu verdammen, wird aber doch zugeben müssen, dass Sprache und Buchstaben das Gepräge des Leichensteines beeinflössen. Glaubt man wirklich die landessprachigen Inschriften nicht missen zu können, so sollten sie doch nicht zur Vorherrschaft gelangen, wie es leider heute im Westen der Fall ist. Eine Wandlung, die seinerzeit als ein bedeutender Fortschritt gegen die Stimmen der am überlieferten Judentum Festhaltenden, oft sogar mit Gewalt durchgesetzt worden ist. Es haben sich ziemlich grosse Unterschiede zwischen den alten, jüdischen Begräbnisplätzen und denen der Gegenwart feststellen lassen, ohne dass wir dabei an religiöse Symbole oder Dar- Stellungen denken. Die meisten Leser werden glauben, gerade am Hexagram (Davidschild) erkennen wir die Zugehörigkeit zur

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