Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1922-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1922) · p. Seite 231

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
9 (1922)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1922)
Date
1922-05-01
Page
Seite 231 (sequence 55)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2292929-2293011-2293015--05660-2298943
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jüdische Friedhöfe einst und jetzt 281 dort einen zeigen, damit es nur ja ein gleichmässiges Muster gibt. Meist bat das Leben die Pfade schon vorgezeiehnet, d. h. ausgetreten, auch ergeben sie sich aus der natürlichen Beschaffenheit des Geländes von selber. Muss es nun einmal eine schnürgerade Strasse sein, so mag am Ende ein Abschluss geschaffen werden, dort ist übrigens der geeignete Platz für Erinnerungs- Zeichen und Baumgruppen, für eine schöne Bank, einen Brunnen oder etwas Aehnliches. Der alte Juden-Friedhof zog die Einfachheit vor, bescheiden sind die Abmessungen der Steine, auch dort, wo keine eifersüchtige Behörde darüber wachte, bescheiden das Material, obgleich es sich viele der vorangegangenen Generationen ebenso gut hätten leisten können, teure Monumente zu bestellen. Was im Leben nicht zu erreichen war, im ״Guten Ort“1) ist es Wirklichkeit geworden: ״Gleichheit“. Diese Gleichheit wird nur bei den Ruhestätten der Rabbinen durchbrochen, um denen, die auf Erden sich der Gelehrsamkeit gewidmet, die gebührende Ehrerbietung auch im Tode zu erweisen, ein grundjüdischer Gedanke! Leider hat er in unserem Zeitalter der Achtung vor der Grösse der Geldbeutel weichen müssen; man unterscheidet jetzt zwischen den teuren Gräbern ״mit“ Gittern und den billigen, ״ohne“ diese Errungenschaft. Nichts trennte früher die Toten von einander und verwehrte den Anblick der Grabhügel, die wir heute meist durch schwarze oder verrostete Gitterstäbe in schmale Längstreifen zerlegt wahrnehmen. Die Einheitlichkeit des Gesamteindruckes ist jetzt vernichtet! Beschauen wir nun die alten Steine näher, so fällt uns die tüchtige Steinmetzarbeit auf, die besonders bei der Schrift zum Ausdruck kommt. Wir brauchen die hässlichen, kalten Goldbuchstaben so wenig, wie die harten Granite, die sich mit ihrer glänzenden Schwärze so vorteilhaft auf dem Leichenfelde ausnehmen, wie in den gedruckten Fabrikkatalogen und anderen Anpreisungen der Händler. Fort mit dem Protzentum aus dem jüdischen Friedhof, der einst ״Haus des Lebens“ genannt, jetzt 1J So nennt der jüdische Volksmnnd den Friedhof.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.