Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1922)
- Date
- 1922-05-01
- Page
- Seite 230 (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
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280 Jüdische Friedhöfe einst und jetzt Vergleichen vir nun, um uns den Unterschied klar zu machen, moderne jüdische Friedhöfe mit denen vergangener Zeiten: Der alte Judenfriedhof fällt durch sein malerisches Ge« samtbild auf, das die Natur immer herrlicher gestaltet, wenn es ihr allzu eifrige Gärtner nicht unmöglich machen; der moderne Judenfriedhof gleicht einem wirren Steinbaukasten, der durch schreiende Farben der Blumenbeete und Kränze unangenehm aus der Landschaft hervorsticht. Das Bunte stört nicht nur die Harmonie, sondern es ist auch eine Unwahrhaftigkeit, den wirkliehen Zweck des Leichenfeldes durch bunte Gartenpflanzen zu vertuschen. Ein Brauch, der dem alten Judentum fremd war, und aus dem christlichen Totenkult für die jüdischen Grabstätten übernommen wurde. Wer die bunten Blumen und Kränze vermisst, mag daran erinnert werden, dass auf den geschlossenen Friedhöfen, die längst nicht mehr gepflegt werden, hie und da zwar ein paar verwilderte Blumen von vergangener Pracht zeugen, im übrigen aber die kahlen Grabstätten einen trostloseren Eindruck machen, als die von Efeu und wildem Wein umrankten־ Die Natur tut schon das Ihre, um nach und nach alles in einen wild wuchernden Garten zu verwandeln; man pflanze also von vornherein nur etwas, was nicht dauernder Pflege von Menschenhand bedarf. Besonders hart empfinden wir heute den Mangel eines ausreichenden Baumbestandes, der den eigentlichen Reiz jenes dämmrigen, grünen Halbdunkels eines alten Judenfriedhofes im Frühling und Sommer ausmacht und ihm jenes grossartige und zugleich traurige Bild bei Sturm und Schnee im Herbst und Winter, gibt. Ganz vermögen auch die Bäume dem grossen Totenacker nicht die Oede zu nehmen, nur hügeliges Gelände kann sie mildern, das man früher besonders im Osten bevorzugte. An Stelle dieser künstlerischen Momente sind heute aka- •lemische Weisheiten getreten, die so arg preussisch wirken; Ordnung mag eine schöne Tugend sein, die Kunst bereichert sie sicher nicht. Es geht genau so gut, wenn die Wege nicht so hübsch gerade und rechtwinklig angelegt werden, oder die gewundenen Wege nicht recht ordentlich hier einen Kringel und