Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1922)
- Date
- 1922-05-01
- Page
- Seite 195 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die Religionsphilosophie Hermann Cohen 8 19יז Frage nach der rechtmässigen Auslegung dieser Quellen gestreift werden. Nur eine Bemerkung sei hier vorweg genommen: Hermann Cohen lehnt mit der überwiegenden Mehrzahl der modernen christlichen und jüdisch-liberalen Theologen die Offenbarungsgrundlage der Religion im offenen Sinne des Wortes ab. Der Rationalisismus ״hat ein Interesse an der Auflösung aller Wunder und alles Wunderbaren‘. Zwar bleibt die Genesis des monotheistischen Gedankens, sein plötzliches Auftauchen, auch ihm ein Geheimnis. Der Monotheismus ״enthält das unlösbare Rätsel seiner Entstehung in sich‘. Aber nicht mehr der Offenbarungsbegriff, nicht Gott, sondern der Nationalgeist soll dieses Rätsel nun lösen. Offen gestanden, wir sehen nicht, welchen grossen gedanklichen Gewinn dieser neue Begriff, der an Uhbestimmtheit nichts zu wünschen übrig lässt, uns geben soll. Hat man nicht nur eine Unbekannte mit einer andernn vertauscht, ein Rätsel mit einem neuen zu lösen versucht? Aber welche gewaltigen ethischen und religiösen Werte hat die Offenbarungsreligion vor der Religion des Nationalgeistes voraus. Alle ethischen Bedenken die gegen den Begriff der Erwählung insbesondere der religiösen Erwählung eines Volkes vorgebrach1 werden wachsen ins Unermessliche, wenn diese Erwählung nich; als Geschenk aus Gottes Hand genommen, sondern nur zu eine* Funktion des Nationalgeistes wird. Ueberhebung und Willkür wird Tür und Tor geöffnet. Die Gefahr lässt sich nicht bannen, dass dieser Begriff eher zu einer Vergottung des Volkes als zu einer Verherrlichung Gottes durch das Volk gewandelt wird. Demut ist die spezifisch religiöse Tugend, die nicht nur für den Einzelnen, die viel stärker noch für jede Gemeinschaft besteh* und mit besonderer Kraft für das Problem der religiösen Erwählung gelten muss. Mit Demut, Hingebung und Liebe kann Israel seine Menschenkraft fast übersteigende Aufgabe, sein unsagbar bitteres und doch erhabenes Leidensschicksal, 8ein<* geschichtliche Mission aus der Hand Gottes entgegennehmen. Ob der Nationalgeist das vollbringen kann? Wenn tausend Märtyrer für ihren Gott, für die jüdische Lehre starben, traut man dem Nationalgeist eine solche Leistung zu? Und wenn er es täte,