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Jeschurun · 1922-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1922) · p. Seite 194

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
9 (1922)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1922)
Date
1922-05-01
Page
Seite 194 (sequence 18)
Language
German
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194 Die Religionsphilosophie Hermann Cohen’8 ihn ungerecht gegen Andere, lässt ihn in jedem Text seine eigenen Worte, in jeder Rede seine eigenen Gedanken, in jeder Quelle seiner eigenen Motive finden und entdecken und der kaum fassbare Scharfsinn seines Geistes, die Kunst spitzer Dialektik und bohrender Kommentatorik, bringt es ihm selbst nicht zum Bewusstsein, wie er zuerst kaum merklich, dann aber immer stärker den Gedankengängen des Autors, von dem er spricht, seine eigenen unterlegt. Mag er über Plato, über Kant, über Plotin oder über die Bibel sprechen, es ist immer Cohens Gedankenwelt, die sich in den Werken der anderen wiederspiegelt (wer nur seinen Kommentar zu Kants Vernunftskritik durchgearbeitet hat, kann die Richtigkeit dieses Urteils bestätigen). Wenn er trotzdem auch bei philologisch unzulänglicher Beweisfuhrung oft zu dem Kern des Gedankens dringt, so verdankt er das dem scharfen philosophischen Instinkt, der ihn immer bis zu den letzten Tiefen aller Motive führt. Aber wollen wir diese Arbeit nicht mit philologischem Kleinwerk beladen, wollen wir die Ufer- und Aussichtslosigkeit einer solchen Diskussion vermeiden und doch die Möglichkeit einer fruchtbaren Auseinandersetzung finden, so müssen wir zunächst von der Frage der Genesis, von der Bewertung und Kritik der Quellen völlig abstrahieren. Und das ist denkbar. Denn unser Judentum ist ja zum Glück nicht nur Literatur, nicht nur ein Zeugnis der Vergangenheit, ist im Grunde warmes pulsierendes Leben, ist im Erleben, im Handeln von Tausenden, Wirklichkeit und Gegenwart, die keine Quellenkritik zerschneiden, kein philologischer Scharfsinn ertöten kann. Die gelebte Religion als Gegebenes gilt es zu werten und dem philosophischen Nachbild gegenüberzustellen. Wir wollen für unseren speziellen Fall gleich die Frage, dahin formulieren, die Frage, mit der wir an, eine fruchtbare Kritik der Cohenschen Arbeit herangehen können: Wie weit wird diese Religion der Vernunft den religiösen, ethischen und kulturellen Werten gerecht, die im gelebten Judentum in Erscheinung treten. י Erst später soll dann auch die

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