Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1922)
- Date
- 1922-05-01
- Page
- Seite 193 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2292929-2293011-2293015--05622-2298905- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die Religionsphilosophie Hermann Cohen’s 193 den Gedanken des einzigen Gottes“. Die jüdische Religion, auch wenn sie sich in philosophischer Vertiefung zur Weltreligion weitet, ist doch immer das Erzeugnis des jüdischen Volksgeistes geblieben, — und dadurch auch Zeugnis für diesen Geist. Dadurch hat die nationale Literatur der Juden einen Wertmasstab erhalten, sie kann gemessen werden am Geist des Judentums. Die Frage beirrt nicht, woher wir eine Kenntnis Tom Geiste des Judentums nehmen, wenn nicht aus ebendiesen literarischen Quellen. Für Cohen ist ,dieser Geist längst bestimmt, als der Geist der reinen Vernunft, das Judentum als die Religion der Vernunft. Daher ist es auch nicht rerwunderlich, wenn die Ergebnisse seiner systematischen Philosophie (die doch zunächst zum Jüdischen keinerlei Beziehungen aufweist), haarscharf mit den Quellen des Judentums zusammentreffen, denn er selbst hat ja unter den Quellen die Auswahl getroffen, eine Rangordnung bestimmt nach dem Prinzip, das ihm die Ergebnisse seines philosophischen Denkens lieferten. Ueberall wo z. B. mythologische Anspielungen, mystische Anklänge und Forderungen in der Bibel oder in den Heiligen Schriften sich finden, kann die Quellenkritik einspringen, und die unbequemen Aeusserungen einem noch unentwickelten Stadium des monotheistischen Gedankens oder einem Rückfall in die Schuhe schieben. Wollte man sich mit der philologisch-historischen Methodik Cohens auseinandersetzen, so müsste man zunächst einen objektiyen Masstab für die Bewertung dieser Quellen finden. Das erscheint aber für uns, die wir ja nicht das Ergebnis schon im Masstab antizipieren können, aussichtslos. Darum ist es im Rahmen dieses Aufsatzes unzweckmässig und undankbar, auf die weitläufigen, teils philologischen, teils religionsgeschitlichen Exkurse einzugehen, die einen grossen Teil des Cohenschen Werkes bilden. — Beinahe auch unlohnend: Denn philologisches und historisch-psychologisches Verständnis ist sicher die schwächste Seite Hermann Cohens. Die Eigenwilligkeit und Impulsivität seines Temperaments, das Künstlerische seiner Persönlichkeit — das ist hier: das Ganz-Erfülltsein von der eigenen Gedankenweit, dem riesenhaften Geisteswerk der eigenen Arbeit, — macht