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Jeschurun · 1922-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1922) · p. Seite 190

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
9 (1922)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1922)
Date
1922-05-01
Page
Seite 190 (sequence 14)
Language
German
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190 Die Erwählung־ Israels dieser hat sich doch wahrlich von irgend einer Abirrung in die Trinitätslehre des Christentums besonders in Talmud und Mdrasch zu schützen gewusst. Noch weniger lassen wir es uns aufreden, der Gottesbegriff sei so ״judaisiert״, wie die beliebte Formel lautet, dass der jüdische Gott als Nationalgott das Schickaal seines Volkes nach dieser Anschauung teile. Die beliebte Annahme von der Existenz eines jüdischen Götzen, denn nichts anderes ist jene Substituierung der Existenz eines Nationalgottes vor der Entdeckung des universalistischen Gottes durch die nachexilischen Propheten, steht schon sonst auf schwachen Füssen, für die nachbiblische Zeit bedeutet sie den Gipfel des Absurden. Das Leiden Gottes כביכל im Exil Israels ist vielmehr das kühne Bild für den Gedanken, dass jene Leiden Israels nicht nationale sind, eben nur dies kleine Völkchen, den winzigen Bruchteil der Völkergesamtheit berühren, sondern dass sie ein Leiden der ganzen Menschheit sind. Die Welt und die Menschheit sind ja der Körper, die nur das wahre Leben gewinnen durch ihren Anteil an der Allseele, der Gottheit, und diese Allseele ist כביכל krank, wenn ihr Geist, ihre Vernunft, der subtilste Teil des Seelischen in der Gottheit, die Thora und ihr Träger unterdrückt, verachtet, an ihrer Entwicklung gehindert werden. So tritt die höchste Einheitlichwerdung Israels mit Gott gerade in seinem Schmerzensgang durch die Geschichte zu Tage, wie das der Midrasch45) an der Klimax der Koseworte, die Gott zur Gemein- Schaft Israels im Hohen Liede spricht, in ergreifender Weise ausmalt: אחותי שהרי נתאחו לי בס מצות רעיתי שנתרעו לי בים יונתי במרה תמתי בסיני תיומתי לא אני גדול ממנו ולא היא גדולה ממני מה תאומים הללו אם אחד מהם חשש את ראשו חברו מרגיש כך עמו אנכי בצרה : Du Schwester in Aegypten, du Traute am Meere, du Täubchen in Mara, du Reine, Vollkommene am Sinai \ Aber das Höchste, dass wir in Reinheit und Vollkommenheit so gleich, wie nur Zwillinge sich gleichen können, ich bin nicht grösser als du, wie du nicht grösser als ich. Ja wie Zwillinge, die einen Leib gemeinsam haben: der Schmerz des Einen ist der Schmerz des Anderen. 45) Pes. deR. K. 47 a.

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