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Jeschurun · 1922-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1922) · p. Seite 189

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
9 (1922)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1922)
Date
1922-05-01
Page
Seite 189 (sequence 13)
Language
German
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Die Erwählung Israels 189 gäbe in Verbindung zu bringen. Wir müssen ehrlich genug sein, es zuzugestehen, dass die erhabene Darstellung des Jesajanischen Gottesknechts als eine Verkörperung des Volkes Israels unter den anderen Völkern in Talmud und Midrasch zurücktritt. Nichts bezeichnender als dass das 53. Kapitel Jesajahs, dies Hohelied des leidenden Gottesknechtes, im Gegensatz zu unseren grossen Exegeten des Mittelalters von Raschi bis Abarbanel in Midraschdeutungen auf einzelne Persönlichkeiten und nicht auf das jüdische Volk bezogen wird. Aber es ist ebenso eine Forderung der Gerechtigkeit, die Gründe anzuerkennen, die jene Auffassung von dem vor den Augen der Völker und durch die Völker sich vollzieh enden Leiden Israels in Vergessenheit geraten liess. Neben den eben erwähnten vor allem der: Das ungeheuerliche Ausmass des Leidens, und die grosse Schuld der Völker an diesem Leid, liess den Gedanken, dass das alles geschehen müsse um der Vollendung der anderen Völker willen, gewissermasen als ein Liebesakt, den Israel seinen Peinigern leistet, nicht durchdringen. Betont muss werden, dass jener erhabene Gedanke darum nicht völlig in Vergessenheit geriet. Die Gestalt des Maschiach ben Josef, des leidenden und sterbenden Messias44) verkörpert das Volk in seiner Spitze. Die ganze Aufgabe und Leidensgeschichte Israels wird uns in einem Gipfelpunkt vorgeführt. Maschiach ben Josef muss im Kampf gegen Gog und Magog fallen, damit Maschiach ben David die Erfüllung zu bringen vermag. Und zuletzt: In Wahrheit ist der Grundgedanke, den die Gestalt des Jesajanischen Gottesknechts darbietet, auch für Talmud und Midrasch herrschend, nur noch kühner und erhabener gefasst in jener so vielfach abgewandelten Vorstellung עמו אנכי בצרה, die aus Talmud und Midrasch — ein Zeichen besonderer Lebendigkeit wie bei der Akeda — in unsere Liturgie übergegangen ist (in den Hoschanoth am Sukkothfeste). Gott selbst כביכל leidet mit Israel! Absolut genommen bedeutet dieser Gedanke für den jüdischen Gottesbegriff eine Gotteslästerung, 44) Sukka 52 a u. s.

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