Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1922)
- Date
- 1922-05-01
- Page
- Seite 179 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Erwählung Israels 179 Beurteilern leicht macht, dies Allgemeinurteil zu fällen. Weber hätte in seinem grossen Werke: , Jüdische Theologie auf Grund des Talmud uhd verwandter Schriften* es gar nicht nötig gehabt, auf 30 Seiten all die Aussprüche zu zitieren. Und wir halten es für eine verfehlte Apologetik, den noch viel reichhaltiger für den Partikularismu8 anzuführenden Aussprüchen gegenüber die für den Universalismus des Judentums zeugenden aufzuzählen, die sicher in der Minderheit sind. Doch diese wollen eben gewogen und nicht gezählt werden. Dann wird man eher erstaunt sein, dass einer heidnischen Welt gegenüber, die so unsägliches Leid über das geknechtete, getretene, verjagte kleine Volk gebracht, die sich in Hass und Verachtung nicht genug tun konnte, wie das die uns erhaltenen Aeusserungen der alten Schriftsteller bezeugen, sich das Judentum noch soviel Objektivität bewahrt hat. Und nicht nur das erfahrene Leid schärfte die Feder der Talmudisten. Verfochten sie doch zugleich das Lebensrecht der geistigen und sittlichen Mächte gegenüber einer in Zuchtlosigkeit und Sittenverderbnis verkommenen Welt. Es ist schon hervorgehoben worden, dass es doch Vorkämpfern der Religion, die als die vollkommenste, absolute gelten will, nicht ansteht, Israel, den Streiter für die Reinheit von Religion und Sitte, herabzusetzen und die zur Zeit der Entstehung jener talmudisch-midraschischen Abwehrliteratur dahin faulende Heidenwelt so liebevoll zu streicheln. Und wohin wäre das Christentum in seiner Ent- Wickelung geraten, wenn das Judentum nicht durch Zaun über .Zaun, durch ein ganzes System engmaschiger Gittergesetze sich von dieser heidnischen Welt abgesondert und sein eigenes Leben geführt und sich so die Unberührtheit und Ursprünglichkeit gewahrt, an der die christliche Welt, wenn sie sich allzusehr im Heidentum verstrickte, immer wieder sich orientieren und zurückfinden konnte. Und dazu kam noch, dass in einer Zeit der ununterbrochenen Verfolgungen das Jesajanische Wort: ,Tröstet mein Volk, denn es hat für seine Sünden das Doppelte empfangen* Richtschnur für die Führer sein musste, sollte der Wille zum Leben nicht völlig erstickt werden. Darum der stete Hinweis auf die ungewöhnlichen Vorzüge Israels, auf seine gesonderte