Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1922)
- Date
- 1922-05-01
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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178 Die Erwählung Israels sich nur auf einzelne Glieder vererben. Diese Glieder sind von Adam bis Jakob die uns aus der Vorzeit bekannten biblischen Heroen. In den Nachkommen Jakobs war eine Reihe erlesener Menschen gegeben, die zu einem ganzen Volke heranwuchsen, dem die Offenbarung und damit die Erlösung der Menschheit anvertraut werden konnte. Diesem Ziel der Erlösung strebt mit Hilfe dieses Volkes die Entwicklung der Gesamtmenschheit zu, und so wird am Ende der Tage der Ausgangspunkt wieder erreicht, wird das Ganze der Völkerfamilien die Aufgabe lösen, um derentwillen der erste Mensch geschaffen wurde. Und für die andere Seite: Israel leidet, aber es leidet eben an seiner Aufgabe. Auch hier ein Naturgesetz waltend, das nicht nur rein äusserlich an das Licht den Schatten knüpft, sondern Schmerz und Leid letzten Enden zu schöpferischen, lebenserhaltenden Kräften ersten Ranges bestimmt. Sie* sind es, die dafür sorgen, dass der Organismus stets wach bleibt und alles Schädliche rechtzeitig abstösst, bevor dies sich so gehäuft, dass Körper und Seele an ihm zu Grunde gehen. Israels Leiden ist 80 nicht ein Zeichen der Krankheit, vielmehr höchster, lebendiger Aktivität. Es verbürgt ihm sein alle anderen Völker überdauerndes Dasein und gibt ihm die Hoffnung, dass es auch den grossen Organismus, den die Gesamtmenschheit darstellt, zur Gesundung führen wird, nachdem es das Leid der gesamten Welt auf sich genommen. Wir wollen den Nachweis führen, dass diese Lösung sich mit dem Gedankengängen der früheren Zeiten in mancher Be- Ziehung deckt, sodass sie als eine Grundauflfassung des Judentums angesprochen werden kann. Bei den christlichen Theologen herrscht die Neigung vor, allen Aeusserungen über die Erwählung Israels in Talmud und Midrasch einen partikularistischen Gedanken unterzulegen. Hebt sich doch gegen diese Folie der paulinische Universalismns um so leuchtender ab. Es lässt sich nicht leugnen, dass Talmud und Midrasch durch zahlreiche Aeusserungen über den Gegensatz zwischen Israel und den Völkern, die Verwerflichkeit des Götzentums und die sittliche Verwahrlosuug der Heiden, es den