Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1922)
- Date
- 1922-03-01
- Page
- Seite 128 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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128 Deutungsversuch usw. gönnen hatte (s. Traktat Taanith, p. 26 b). Dies ist die natürliche,, und von jeder Abenteuerlichkeit meilenferne EntstehuBgsursache für diese Anordnung.1) Dass Abraham in der Formel: כישיבה של מעלה, die die Gemeindeältesten vor Kol-Nidre sprechen, eine מselbstherrliche“ Erlaubniserteilung zur Kol-Nidre ausgesprochenen Eidesauflehnung erblickt, ist eine eigenartige Verkennung des einfachen Wortsinnes des העברינים, das ist der im Jahre von dem בית דין Gebannten, denen die Teilnahme am Gottesdienst sonst verboten war2); oder es sind die Marannen, die Kryptojuden in Spanien, damit gemeint (so Bloch in seiner Abhandlung über Kol-Nidre). Doch genug davon! Die Phantasie der Reik, Abraham und anderer wird weiter arbeiten, die Mischung von Romantik und erbarmungsloser Rationalisierungskunst weitere Opfer fordern, Bibel, Mythologie, Literatur auch fürder durchforscht und ihre schönsten Blüten zerzaust werden, ohne Rücksicht auf Wahrheit und Wahrscheinlichkeit. ■* * Es ist und bleibt ein grundlegender Irrtum vieler Freudschüler, dass sie grosse und allgemeine Phänomenkomplexe des Seelenlebens ganzer Völker auf einige wenige Triebe meist Sexualtriebe, zurückführen wollen und dabei meist die aus pathologis chen Fällen gewonnenen Resultate zur Erklärung n 0 r m a 1 er Erscheinungen in Analogie heranzieben. Und nun gar zur Klärung religiös-psychischer Vorgänge ethnologischer Prozesse und tiefdifferenzierter, ethischer Art einige grobsinnliche Triebe heranzuziehen und als zentral entscheidend hinzustellen, dies Verfahren ist für die Ethik *owohl3) wie für die Religion mit grosser Vorsicht zu benutzen. Vgl. noch eine andere entsprechende Erklärung im 'ט״ז כ״ק ב zu Orach Chajim § 622. 2) s. Elbogen, 1. c. zur Stelle. 3) s. H. y. Müller, Psychoanalyse und Ethik, Quelle & Meyer. Leipzig 1917, p. 18f.