Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1922)
- Date
- 1922-03-01
- Page
- Seite 120 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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120 Deutungsversuch usw. Opfer z. Zt. des Tempels dienen konnte.) 2. Die Sitte ist, die Kapporaus an Arme zu verschenken (oder wenigstens ein Lösegeld an Arme zu geben), nicht aber eine Totemmahlzeit daraus zu machen. Es ist auch nirgends vorgeschrieben, dass man sie zu einer bestimmten Stunde, etwa kurz vor Beginn des Versöhnungstages, schlachten oder verspeisen, unter bestimmten Riten verspeisen solle. Im Gegenteil ,wird sogar erlaubt, die Kapporaus auch später, nur vor dem 7. Tage des Sukkaus (ה ר) zu benutzen. 3. Jede Erinnerung an Opfer־ ritus wie Auflegen der Hände auf das Tier, das Fahnden nach weissfarbigen Hühnern wird getadelt, letzteres als heidnisch strengstens verworfen. Wenn nun im ganzen talmudischen Schriftum keinerlei Anhaltspunkte für das hohe Alter oder Vorhandensein dieses Minhag in Palästina auffindbar sind, so wird es schwerfallen, mit Abraham zu glauben, dass dieser Ge־ brauch ״aus heidnischer Vorzeit stamme, dass er uralt sei, dass ihn unsre Decisoren erst verdächtig gemacht und er jetzt nur einen ״Unterschlupf im häuslichen Kultus“ gefunden habe. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass im Talmud von einem solchen etwa bestehenden Brauch nicht wiederholt und deutlich die Rede gewesen sein soll; vielmehr ist wahrscheinlich, dass sich der Talmud, der jede Art an Opferriten erinnernde Sitten an prominenten Stellen auf schärfste ver־ pönt, (so das Braten eines Opferlamms am Pessach-Abend, wie es sich in Rom eingebürgert hatte, s. Trakt. Pesachim, p. 53 a f.) sich auch gegen diese Sitte scharf ausgesprochen hätte.*) Es ist also mindestens ein argumentum ex silentio, dass dem Talmud die Sitte unbekannt war. Aus welcher Zeit sie später datiert und welches der Grund der Entstehung ist? Zweifellos waren es kabbalistische Anlässe und Einflüsse, mystische Erwägungen, etwa Identifizierung der Menschenseele mit der Tier־ *) In diesem Zusammenhang ist es nicht unwichtig zu hören, dass auch bei den Faiasehas, die in Abessinien leben und seit Jahrtausenden zäh an ihrem jüdischen Glauben festhalten, die Sitte der Kapporaus am Jaum-Kippur nicht bekannt ist. (s. S, Kathiens, Die Juden in Abessinien, Hamburg 1921.)