Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1922)
- Date
- 1922-03-01
- Page
- Seite 102 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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102 Der moderne Kampf usw. Umstand, dass die mündliche Ueberlieferung, wenn sie von Ahraham bis Mose allein die Erinnerungen Israels zu vererben gehabt hätte, nicht sehr viele Generationen zu umspannen hatte. Freilich behauptet Gunkel in seinem Kommentar zum 1. Buch Mose (1910), S. IX: »Es lässt sich kein Weg denken, auf dem die Kunde z. B. über die Patriarchen bis zum biblischen Berichterstatter gelangt wäre“. Aber warum denn nicht? Freilich er hat nicht untersucht, wieviel Geschlechter von den Patriarchen bis zu Mose gelebt haben. Aber meine Nachforschung darüber bat gelehrt, dass von Abraham bis zu Mose in manchem Stamm nur sechs Generationen gelebt haben (vgl. in meinem Kommentar zu 1. Mose 1919, S. 92). Folglich konnten die Erinnerungen der Erzväter gar wohl auf ihre Kinder, Enkel usw. durch Weitererzählen vererbt werden. So demnach läge die Sache schon dann, wenn vorausgesetzt werden dürfte, dass von der Zeit der Patriarchen bis Mose die Bewahrung der ältesten Nachrichten bloss von der mündlichen Tradition geleistet werden musste. Aber ist diese Voraussetzung auch sicher berechtigt? Sie besitzt nicht einmal ein wahrscheinliches Recht. Denn der Satz, der in der neueren Zeit oft gehört wurde und dem noch Delitzsch (1920, S. 68) nicht widerspricht, dass die Israeliten noch zur Zeit Moses eine ״illiterate Horde“ gewesen seien, hat seit 1902 auch den letzten Schimmer von Wahrscheinlichkeit verloren. Denn in diesem Jahre wurde in der persischen Stadt Schuster, d. h. der alten Residenzstadt Susa, die Basaltsäule mit den 282 Paragraphen der Gesetzesinschrift des altbabylonischen Königs Hammurapi gefunden. Schon die öffentliche Aufstellung dieser Gesetzgebung setzt nun voraus, dass die Untertanen eine• Kenntnis von der Buchstabenschrift besassen. Dies wird aber noch ausdrücklicher z. B. durch § 128 bezeugt, weil es da heisst: ,Wenn jemand eine Ehefrau nimmt, aber keinen Vertrag mit ihr schliesst, so ist dieses Weib keine Ehefrau.“ Folglich ist Abraham aus einem Lande gekommen, wo es s 0 mit der Kenntnis der Schreibkunst stand. Eine wie unnatürliche Voraus- Setzung ist es demnach, wenn neuerdings vielfach von der An-