Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1922)
- Date
- 1922-03-01
- Page
- Seite 96 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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96 Der moderne Kampf 118w. gewiss mit Hecht geantwortet, dass die Schweiz zwar wohl entscheidende Anregungen von den grossen Kulturstaaten empfangen hat, zwischen denen sie liegt, aber in der Hauptsache ihrem eigenen Genius folgte und in der neueren Zeit sogar ihrerseits Anregungen gegeben hat Auf dem geistigen Gebiete wirkt eben nicht die natürliche Schwerkraft und Anziehung grosser Körper. Hat doch sogar das politisch besiegte Griechenvolk durch seine philosophisch geschulte Geisteskraft, seine hervorragende künstlerische Anlage und seine schriftstellerische Ausbildung den siegreichen Römern ״Gesetze gegeben״ und überhaupt der Nachwelt bis heutigentags einen unsterblichen Schatz von Ideen und Idealen hinterlassen. Wenn nun manche Neuere aus den soeben beurteilten Beweggründen und Gesichtspunkten schon im allgemeinen geneigt sind, die israelitische Kultur von der babylonischen abzuleiten, wie sehr muss sich diese ihre Neigung in bezug auf die überlieferte Patriarchenreligion geltend machen wollen, da Abraham aus Babylonien ausgewandert ist! Im der Tat hat man erstens bis in die neueste Zeit — erst wieder in der vor kurzem erschienenen Schrift von Erbt ״Das Judentum* * * * 8 9״) — den babylonischen Mondgott Sin als die Gottheit Abrahams hinzustellen gewagt. Das leitet man daraus ab, dass in Abrahams Heimatsort Ur (etwas südlich vom untersten Euphrat) der Mondgott der Hauptgegen stand des Kultus war, und dass Abraham mit seinem Vater nach Charan im westliehen Mesopotamien wanderte und auch in dieser Stadt der Mondgott ,״ein Hauptheiligtum besass. Aber 1welche Art von Logik zeigt sich in dieser Ableitung! Nach den Quellen und Tatsachen ist ja Abraham bei der Wanderupg bis Charan nur wollen, dass Amos 3,12 von Damaststoffen spricht und Abas (2. Kön. 15,10f. einen Damaszenischen Altar nachahmen liess. Wie sehr werden da äusserliche Kleinigkeiten als Gradmesser der Kulturhöhe benützt! 8) In der Zeitschrift ״Der Beweis des Glaubens‘4 (1904), S- 129f. * 9) Wilh. Erbt, Das Judentum. Die Wahrheit über seine Entstehung (1921), S. 10.