Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1922)
- Date
- 1922-03-01
- Page
- Seite 88 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2292929-2293011-2293014--05495-2298778- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
88 Heiligkeit und Weltlichkeit da haben wir sie auf die gleichen Grundlagen gestellt, auf Lüge und Heuchelei, auf Ränkespiel und verantwortungsloses Geschwätz. Wir tragen den urfremden Geist der Völker in unsere Häuser, wir spielen ihre Spiele, wir singen ihre Lieder, wir sprechen ihre Sprachen, — wir denken ihre Gedanken. Und so fällt unser Leben auseinander. Unser Gottesdienst wird nicht mehr vom frischen Hauch einer frohen Wetlichkeit belebt, und unsere Weltlichkeit ist ohne Gott. Wir haben unsern Gott in enge Tempel gebannt^ aber in unsern Gassen ist er nicht zu finden. Wir haben ihm einige festliche Stunden gegönnt, aber unsern Alltag haben wir ihm entrisen. Unsere Einheit ist uns entglitten, unsere Ganzheit ist gespalten. Wir haben unsern einst so freien, aufrechten, sichern Gang mit einem feigen Taumeln vertauscht. Unser Judentum ist verfälscht, und unser Menschentum ist brüchig. Wir sind Menschen des Bindestrichs. Freunde, es ist Zeit, dass wir erwachen. Zeit ist’s, dass wir uns lösen aus der unwürdigen Versklavung, Zeit ist’s, dass wir den eigenen Bau beginnen. Wir wollen ja weite, stolze Weltlichkeit, wir wollen des Lebens Macht^ und Fülle nicht entbehren. Aber diese Weltlichkeit sei heilig, sei eine eigene, jüdische, sei eine Weltlichkeit von unserm Geist, eine, in der Gott sich heimisch fühlen kann. Und wenn dann in der nächsten פרשה der alte Ruf ertönt: ועשו לי מקדש ושכנתי בתוכם, so wisst, der Ruf galt nicht nur dem Geschlecht der Wüste, seine Forderung tritt auch an uns heran. Und, nach des Midrasch zartem Gleichnis: so wie ein Vater, der seine einzige Tochter einem fremden Manne zum Weibe gibt, und nur die eine Bitte hat אלא זו טובה עשהי לי שכל מקום שאתה הולך קיתון אחד עשה לי שאדור אצלכם so spricht הקביה zulsroel: נתתי לכס את התורה, לפרוש הימנה א״ני יבול, לומר לכם אל תטלוה איני יכול, אלא בכל מקום שאתם הולכים בית אהד עשו לי שאדור בתוכו denn es heisst ja: ועשו לי מקדש ושכנתי בתוכם. Es heisst בתוכם, nicht בתוכו! Macht mir ein solches Haus, dass ich in eurer Mitte wohnen kann. Macht mich nicht zum Gotte der Liturgie, macht mich zum Gotte eures