Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1922)
- Date
- 1922-03-01
- Page
- Seite 87 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Heiligkeit und Weltlichkeit 87 so voller Farbenpracht und voll köstlicher Verkeissungen, das schäumte von Fülle und Kraft, das lockte und rief. Da wurde es uns schwül und enge, und wir empfanden die Armut unserer kleinen Welt. Da sprachen wir zu unsern Alten: ״Lasst uns hinaus. Machet die Tore auf. Fürchtet nicht um Gottes Gesetz. Sind wir nicht zweitausend Jahre lang in eine harte Schule gegangen, hat uns nicht zweitausend Jahre der Hammer des Gesetzes hart geschmiedet? Wir wollen ja die Wirklichkeit nur einfangen, wollen sie dienstbar machen unserem Gott. תורה עש דרך ארץ sei Losung und Lösung, Mensch- Jisroel unser Ideal!״ Da haben wir die Tore weit aufgemacht, und — was wir so nie hätten tun dürfen — haben uns von Fremden die Weltliebkeit erborgt. Anstatt auf eigenem Grunde eigene jüdische Weltlichkeit zu bauen, anstatt sie in immer grösseren Kreisen sich um unseres Lebens Mitte ansetzen zu lassen, anstatt dass wir sie langsam spriessen, wachsen, reifen Messen, haben wir die fertige Weltlichkeit der Völker übernommen. Wir, reichstes Volk der Welt, haben gierig die Hände nach ihrem Bettel ausgestreckt. Wir, schöpferischstes Volk der Menschheit, haben ihre abgegriffene Schablone dankbar hingenommen. Wir haben unsere Wirtschaft eingebaut in ihren seelenlosen Betrieb aus Glas und Stahl, wir haben mit teilgenommen an ihrem System der Ausbeutung der Schwachen, wir haben aus unserm Wirtschaftsleben jeden Funken von Gerechtigkeit verbannt. Unsern Feierabend verbringen wir an den Stätten einer Öden, rohen Lust, in unsern Mussestunden ergötzen uns die Werke einer un heiligen Kunst. Die Formen unseres öffentlichen Lebens sind durchsetzt vom gleichen Geist der Lieblosigkeit und Eigensucht, und dort, wo uns ein gütiges Geschick die Anfänge staatMcher Gestaltung gab, wie im HeiMgen Lande und in den Ländern des Ostens,