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Jeschurun · 1922-03-01 · Heft 3-4 (März 1922) · p. Seite 86

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
9 (1922)
Issue
Heft 3-4 (März 1922)
Date
1922-03-01
Page
Seite 86 (sequence 6)
Language
German
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86 Heiligkeit und Weltlichkeit Unser Volk ging in sein Land und gründete sein Leben auf reiche, breite Weltlichkeit. Aber um dauernd Träger dieses Lebensgefüges zu sein, dazu war es noch nicht reif genug. Immer wieder brachen versteckte Triebe durch, immer wieder suchte Weltlichkeit die Heiligkeit zu vergewaltigen, und immer wieder standen Männer auf, Heisse und Tapfere, die das Ver״ Behobene zurechtzurücken, die gelösten Teile in das rechte Verhaltnis zn bringen versuchten. Und als das Mass voll geworden, als das Strafgericht niedergegangen, und als auch der zweite Versuch, geheiligte Weltlichkeit zu leben, ebenso misslungen war wie der erste, da wanden unsere Väter, bittere Erfahrung im Herzen, vor den Flammen, in denen der zweite Tempel aufging, und schwuren sich’s zu, dass sie nun das Volk nicht mehr auf die Probe stellen dürften. Sie verzichteten nicht auf Weltlichkeit, aber sie verengten sie. Sie machten sie klein und schmal, sodass sie übrsichtlich wurde und der Reif des Gesetzes sie fest umspannen konnte. Sie zimmerten sich eine magere Weltlichkeit zurecht, die gerade nur des Lebens Notdurft fasste, und wo die Völker sie aus Hass an Lebensmöglichkeit beschnitten, da nahmen sie es in Frieden hin. Womit sie bisher gescheitert waren, das gelang ihnen nun auf dem beschränkten Raume. In diesem schmalen Dasein, in diesem ihren kleinen Reich, da banden sie nun die Welten aneinander: da ergossen sie all ihre Kräfte und all ihr Schaffen in ein einziges heiliges Becken, und ihre Frömmigkeit hinwieder saugte aus ihrer kargen Weltlichkeit immer neue Lebenssäfte ein. ' So waren sie in ihrer kleinen Welt, in ihrem engen Kreis, doch ganze Juden, ungebrochen, ungespalten; blieben sie Juden, wo sie gingen und standen, blieben sie Juden, ob sie nun beteten und lernten, ob sie ihren Handel trieben oder gar in froher Laune zechten; hatten sie Einheit, hatten sie Ganzheit. Und dann kam eine Zeit, da wuchs unser Geschlecht heran. Das spähte durch die Gitter, das lugte durch die Ritzen. Das sab da draussen ein buntes, reiches Leben vorüber strömen,.

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