Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 67)
- Language
- German
- Belongs to
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Das jüdische Lehrerseminar in Litauen 67 über; die Elternschaft ist unwillig wegen der geringen Fortschritte, die ihre Kinder erzielen. Schweren Herzens schicken daher auch streng religiös gesinnte Väter ihre Kinder auf die öffentliche oder private Volksschule, eine Erscheinung, die für das religiöse Judentum verhängnisvoll wirken kann. Denn diese Anstalten — und noch in höherem Mass die Gymnasien — sind bar jedes jüdisch-religiösen Geistes. Die Lehrerschaft, die entweder aus dem Wilnaer Lehrerinstitut oder aus den Grodnoer Kursen entstammt, ist im günstigsten Fall religiös indifferent, häufig aber religiös feindlich. Leider sind auch die Schulen der gutorganisierten bundistischen Kulturliga verbreitet. Sie entstanden vielfach zur Zeit der deutschen Okkupation, weil von den Besatzungstruppen das Jargon gegenüber dem Hebräischen bevorzugt wurde. Ihr Programm ist äusserst dürftig: Jargon, Rechnen und etwas Naturwissenschaft. Sie stellte daher nur geringe Ansprüche an ihre Lehrerschaft und konnte verhältnismässig am leichtesten jüngeren Nachwuchs heranziehen. Die nötigen Geldmittel spendeten auch im Kriege in reichem Masse ihre Gesinnungsgenossen in Amerika und Südafrika. So konnte sie sich an vielen Orten im Lande festsetzen und bildet heute eine grosse Gefahr. Dazu sind sie in ihrer Gesinnung äusserst radikal: sie suchen systematisch jedes religiöse Gefühl in den Herzen ihrer Schüler auszumerzen. Die Religion, insbesondere die jüdische, dient ihnen nur als Zielscheibe des frivolsten Spottes. Sie kämpfen auch gegen die hebräische Sprache und versperren ihren Zöglingen den Zugang zu der Quelle jüdischen Geistes. Auf dem Sprachgebiet sind ihre eifrigsten Gegner die Tarbusleute. Das Hebräische als Unterrichtssprache beherrscht den Schulbetrieb; doch auch dort, wo sie heilig sein sollte, ist sie profan. Die Bibel erscheint den Kindern nicht als heilige Quelle unserer Religion, vielmehr als schönes Denkmal der hebräischen Literatur. Die Bibelkritik wird gern willig zu Rate gezogen. Niederdrückend und tief beschämend wirkt der Gedanke, dass hier ganz anders gesinnte Eltern ihre Kinder solchen