Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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66 Das jüdische Lehrerseminar in Litauen Die elementare Not des Lebens hat in der Fremde viele Lehrer gezwungen, neue Erwerbszweige zu suchen. Wenige haben sich unter den gegenwärtigen Zeitverhältnissen entschlossen, ihren Beruf wieder aufzunehmen. Was noch vom alten Typ des Melamed verblieben ist, hat sich innerlich gewandelt. Früher ermöglichten es die ausserordentlich günstigen Lebensbedingungen dass sich beim alten Judentum äusserste Genügsamkeit mit seltener Hingabe vereinigte. Mit einer geringen Schülerzahl lernte und lehrte er vom frühen Morgen bis zum späten Abend gegen ein sehr bescheidenes Entgelt. Tiefinnere Frömmigkeit liess ihm sein Amt unter dem Gesichtspunkte des jüdischen Volkes als Thoravolk, als ein heiliges, gottgerechtes betrachten. Ganz anders erscheint sein Nachfolger, Zwar gab es für ihn keine Möglichkeit, sich besser vorzubilden, seinem Wissen undKönnen gemäß hätte er gewiss keine höheren Ansprüche zu stellen. Doch die total veränderte soziale und ökonomische Umschichtung der Gesellschaft ist auch an ihm nicht spurlos vorüber gegangen. Er will nicht mehr darben, er verlangt ein menschenwürdiges, zeitgemässes Dasein: Dann müsste er aber eine grössere Schülerzahl gleichzeitig unterrichten; ist aber dieser schwierigen Aufgäbe pädagogisch nicht gewachsen. Zugleich will er ihnen nicht den ganzen Tag widmen — daher wird das Ausmass der übermittelten Kenntnisse bedeutend zurückgehen. Dazu tritt noch die schwierige Frage der profanen Bildung: Früher verbannte sie ein Dekret der zaristischen Regierung fast ganz aus dem Programm der jüdischen Schule, heute gibt es wohl verschwindend wenige Eltern, die sie ihren Kindern vorenthalten wollen. Auf diesem Gebiet fehlt es dem Melamed ganz an den elementarsten Vorkenntnissen. Danach vermag man den heutigen Zustand des Cheders zu beurteilen. Mehrere Schülergruppen, die auf ganz verschiedener Entwicklungsstufe stehen, werden täglich 5—6 Stunden unterrichtet. Nur ein streng methodisch geschulter Lehrer könnte alle gleichzeitig beschäftigen und in der zur Gebote stehenden Zeit zu einem lohnenden Ziel führen. Die ganz anders eingestellten ״Melamdin“ sehen sich chaotischen Zuständen gegen-