Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 65 (sequence 65)
- Language
- German
- Belongs to
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Das jüdische Lehrerseminar in Litauen 65 Das jüdische Lehrerseminar in Litauen (nach einem Bericht seines Leiters F• Getzj. Der Geist eißer neuen Zeit hat auch vor den Toren der historischen Zentren jüdischen Lebens nicht Halt gemacht. Die Westeuropäische Kultur, gefährlich durch ihr unvermitteltes Eindringen, fordert gebieterisch ihr Recht. Unvergleichlich wichtige Güter, der kostbare Schatz einer in vielen Generationen treu bewahrten Thorakenntnis, sind von den Gefahren fremdartiger Einflüsse zu schützen und kommenden Geschlechtern zu erhalten. *) Dieser grossen Aufgabe kann nur ein Lehrerstand gewachsen sein, der, festverwurzelt in der grossen Tradition der Vergangenheit, mit offenen Blick für die Bedürfnisse der Gegenwart dem jungen Geschlecht zugleich das Gefühl für die grosse Vergangenheit einzuflössen und die Waffen für den tausendfach verschärften Kampf ums Dasein zu schmieden vermag. Da ist es doppelt traurig, wenn die Führer der Orthodoxie täglich von neuem den Mangel an geeigneten Lehrerpersönlichkeiten erkennen müssen. Die ehemaligen Melamdim stehen auf dem Aussterbeetat, aus verschiedenen Gründen können sie sich nicht halten. Der Krieg mit seiner unerbittlichen Grausamkeit hat den schon früher eingeleiteten Entwicklungsgang reissend beschleunigt. Die litauische Jndenheit, zum grössten Teil von den Russen evakuiert, hat einen schicksalsreichen Leidensweg durchwandert. *) Unwiederbringliches hat hier der Krieg vernichtet. Gleich im Beginn wurde fast die gesamte Judensehalt in Litauen von den Russen evakuiert und in alle Gegenden des grossen Reiches verschleppt. Die Jugend empfing vielfach weder Belehrung noch Erziehung, die demoralisierenden Einflüsse der Kriegszeit, besonders unter so drückenden äusseren Bedingungen taten ihre Wirkung. Unwissenheit und Mangel der moralischen Hemmung zeigten sich in einem Mass, wie ihn Litauen, die alte Hochburg der Thora, noch nie gesehen hatte. Biendend drang/ das Licht westlicher Kultur ins Land — es gilt hier, die Jugend allen neuen Einwirkungen zum Trotz, wieder zur ewigfrischen Quelle jüdischen Geistes zu führen.