Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 53 (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Religionspliilosopliie Hermann Cohen53 »״ — — ״Das Selbstbewusstsein ist in erster Linie bedingt durch das Bewusstsein des Anderen.*4 18) Ist so der Nebenmensch logisch gesetzt, — wie auch als Tatsache der Erfahrung bekannt, — so kann doch erst der Mitmensch, der Begriff des Mitmenschen die ״Ethik des reinen Willens“ gründen. Dieser Begriff ist jüdischen Ursprungs. In der Bibel tritt er zuerst uns entgegen, in der Forderung der Nächstenliebe, in der sozialen Predigt der Propheten. Doch wie kann er entstehen? Der Affekt des Mitleids soll uns zu Hilfe kommen. Das Mitleid ist in Misskredit gekommen in der Geschichte der Philosophie. Die Stoa, die Affektenlehre Spinoza lehnen es ab. — Der Weise, in den Mantel des Gleichmuts gehüllt, steht über dem Leiden, daher auch über dem Mitleid. Jedes Leid ist — Passivität, hat subjektive Quellen. — Wie kann solcher Irrtum entstehen? Weil das Leid nicht als soziales Leiden erkannt war. ״Wo ״der soziale Gedanke nicht zum fundamentalen Problem wird, da muss das Mitleid in Unehren bleiben.“ 19) Es handelt sich ja nicht um mein subjektives Wohlbefinden. ״Mein Wohl und Wehe mag mir gleichgültig sein, aber nie das Wohl und Wehe meines Nächsten“.30) Das ethische Temperament, der Wirklichkeits- und Gerechtigkeitssinn Cohens kann vor dem Erdenjammer sein Auge nicht v erschlossen, um sich in den Nebelschleier einer Metaphysik zu hüllen. Dem Aktualisten,• dem Socialethiker, dem Juden ist der Weg gewiesen. Er versenkt sein ganzes Ich, erfüllt sein ganzes Bewusstsein, sein ganzes Selbst mit dem irdischen Leid, bis es zum Grundpfeiler seiner Philosophie, zur Triebkraft seines System’s, zum ״Hebel aller Sittlichkeit“, zum ״Motor des reinen Willens״ wird. י, 18) ibid. S. 202. 19) Religion der Vernunft ST 163. ‘20) Die Religion der Vernunft S. 153.