Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2293011-2293013--05407-2298690- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
22 Mar Samuel und es wird sich uns das wichtige Resultat ergeben, dass alle die Lehrmethoden, welche nach einer oberflächlichen Anschauung, erst in einer viel spätem Zeit zur vollständigen Ausbildung gelangt sein sollen, schon bei Samuel in ihrer höchsten Vollendung vorgefunden werden. Da nun dies auf einen viel älteren Ursprung hinweist, so wird es nicht mehr als übertrieben erscheinen, wenn man den Anfang der talmudischen Dialektik schon von der Zeit R. Jochanan b. Sakkai’s (70 n. ü. Z.) her datiert109. Was die Erklärung der Mischna, der emoräischen Tätigkeit im engeren Sinne, betrifft, so hatte Samuel zunächst sehr viel durch Worterklärungen zum Verständnis der Mischna beigetragen, was besonders in Babylonien nötig war, wo viele, obgleich in Palästina in der gewöhnlichen Umgangssprache gebräuchliche Wörter nicht verstanden wurden110. Es waren dies grösstenteils Fremdwörter aus dem Griechischen und Lateinischen111. Aber auch von andern Wörtern, die zum Teile schon zur Zeit der Tanaim als veraltet einer Erklärung bedurften, suchte Samuel die Bedeutung zu ermitteln. Er zeigte hierbei einen regsamen Eifer und wissenschaftlichen Forschungsgeist, indem er alle ihm zu Gebote stehenden Quellen für etymologische Belehrung zu benutzen suchte und nicht selten Reisende, die zu Meere entfernte Länder besucht und aus eigener Anschauung gewisse Naturprodukte und ihre Namen kennen gelernt hatten, wegen der Bedeutung eines Wortes um Bescheid fragte 112. Der Worterklärung reihte sieh die Erläuterung des Sinnes der Mischna an. Zum richtigen Verständnis der in einem sehr gedrängten Lapidarstyle verfassten Mischna war ausser einer tiefen Einsicht noch umfassende Gelehrsamkeit erforderlich. Es hatte schon Samuel durch Zuhilfenahme anderer Ueberlieferungsquelien über viele dunkle Stellen Licht verbreitet, unbestimmte und zweideutige Ausdrücke präzisiert und überhaupt durch seine Erklärungen irrtümlichen Auffassungen der Mischna vorzubeugen gesucht118. Mit dieser Erklärung war allerdings das in der Mischna Gelehrte zum Bewusstsein gebracht; aber die Uebertragung der