Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1921)
- Date
- 1921-11-01
- Page
- Seite 502 (sequence 84)
- Language
- German
- Belongs to
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502 Philosophie des Organischen sein Inhalt und zwar der Vitalismus (Neovitalismus). Es ist müssig, den Nachweis führen zu wollen, dass die jüdische Lehre den Vitalismus in sich birgt. Gewiss gibt es in ihr viele Sprüche, die den Sondercharakter des Lebens betonen. Von den Materialisten abgesehen, war wohl dem gesamten Altertum und Mittelalter und somit nicht jüdischem Denken allein vitalistische Denkweise allgemein geläufig; meist freilich war es psychischer Vitalismus. Aber das, wras Driesch lehrt, ist doch neu in Beweisführung und Konsequenz. Und so ist mein Streben, nicht Parallelen zwischen unserer Literatur und Drieschs Entelechielehre zu ziehen sondern zu unterstreichen, was letztere für unser jüdisch-religiöses Denken werden und künftig bedeuten kann. In extenso will ich das an anderer Stelle tun. Hier nur einiges: Driesch selbst zeigt ja hier und in anderen philosophischen Werken den Weg, der von der Natur־ Wissenschaft, Psychologie und allgemeinen Logik zum Wirklichen, zu Gott, führt, freilich nicht in konfessioneller Prägung. Aber schon der Umstand ist bedeutsam genug, dass ein Stadium der Forschung erreicht ist, wo nicht nur Wissenschaft dem Gottesgedanken nicht widerspricht, sondern ihn geradezu einführt und lehrt. Ich habe an anderer Stelle1s) bereits wiedergegeben, wie Driesch zu den verschiedenen Formen des Theismus Stellung nimmt. Es ist erfreulich, dass er nie versucht, über das Denkmögliche hinaus zu gehen, und echt induktiv bleibt. Mehr braucht der religiös gestimmte Mensch nicht als Hilfe von der Wissenschaft. Diesen Rahmen, den das Denken bietet, sieht er erfüllt von den Ueberlieferungen seiner Lehre und den eigenen Gefühlen der Ehrfurcht vor dem Unendlichen. Keine andere strenge Forschung der Gegenwart hat uns so viel gegeben wie der Vitalismus, und wenn nur das zu buchen wäre, es genügte uns. Ich denke nun, wir Juden, die unsere Tradition verehrend bewahren, müssen aber auch ein Interesse an der fortschreitenden Erkenntnis der Wissenschaft haben und deshalb mit dem Vitalismus Freundschaft schliessen. Nicht nur, weil Vitalismus ein Antipode des Materialismus ist, müssen wir ihn begrüssen; 1>s) s. sub 15.