Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1921)
- Date
- 1921-11-01
- Page
- Seite 424 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2293004-2293010--05269-2298552- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
424 Mar Samuel einem reichen und grossartigen jüdischen Geistesleben verborgen, der nur lange Zeit durch verschiedene missliche Umstände verhindert war, zur herrlichen Frucht heranzureifen. Es waren die reichen Quellen lebendigen Wassers, die das Feld der jüdischen Kultur hätten tränken und befruchten können, vom Sande verscharrt und Niemand war da, der sie aufgegraben und nutzbar gemacht hätte. Die Juden Babyloniens hatten selbst in ihrem höchsten Glücke die alte Heimat nicht vergessen, ihre Augen waren stets auf das heilige Land gerichtet und sie hielten sich fortwährend in Abhängigkeit von demselben. Sie richteten nicht, wie die ägyptischen Juden, einen selbständigen Kultus ein; sie wollten nicht, wie jene, in der Ausübung der Religionsgebote und in der Erklärung des heiligen Schrifttums einen eigenen gesonderten Weg einschlagen, sondern sie gingen in allen ihren Handlungen und Bestrebungen Hand in Hand mit ihrem Mutterlande, in dessen Hauptstadt das Sanhedrin (Synedrium) als die Seele des Judentums seinen Sitz hatte. Bei solcher Abhängigkeit von Palästina konnte in' Babylonien kein reges Geistesleben aufkommen, konnten keine selbstständigen wissenschaftlichen Studien gefördert werden, und so sehr die Verhältnisse Babyloniens darnach angetan waren, dieses Land den Juden zur Heimat zu machen, so konnte die jüdische Lehre und die jüä. Kultur dennoch daselbst keine Heimat finden; man haute zwar Häuser, wie es der Prophet (Jeremia 29, 5) geboten, aber keine Lehrhäuser, es wurden Gärten gepflanzt, aber keine Pflanzstätten für die Wissenschaft errichtet 4. Daher mussten diejenigen Babylonier, die nach Wissen und Geistesbildung strebten, nach dem heiligen Lande wandern, wo sie gewöhnlich, weil in der Heimat kein Feld der Tätigkeit für sie existierte, auch nach ihrer Ausbildung verblieben. So kamen die Sohne Batira’s, der berühmte Hillel und viele Andere nach Palästina, und indem auf diese Weise die edelsten und besten Kräfte Babylonien entzogen wurden, blieb dort־ das Volk in tiefste Unwissenheit und finstere Barbarei versunken. Während in Palästina zur Zeit des zweiten Tempels durch Parteiwut, Tyrannengrausamkeit und ausländische Gewalt der jüdische Staatskörper vollständig