Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 419 (sequence 77)
- Language
- German
- Belongs to
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Bücherbesprechungen. 419 Für Tagore ist jeder Gedanke Anschauung, jede Erkenntnis Erlebnis, jedes Philosophem ein Bild. Er ist ein sinnenhafter Denker ־wie Platon. An der künstlerisch erlebten Wirklichkeit entzündet sich sein Geist. Die menschlichsten Gedanken werden hier aufs Neue vertieft und erscheinen uns plötzlich auch wieder neu. Ueberhaupt ist es eine Philosophie des reinen Gefühls, und noch ist sie nicht von dem abendländischen Zweifel berührt, dass Gefühl ja durchaus nicht ein Erkenntnisorgan für die Objektivität sein kann. Man kennt diesen inneren Gang des menschlichen Geistes: erst vertraut er seinen Sinnen, dann wenigstens seinen Ideen noch, schliesslieh erkennt er alles dem menschlichen Bewusstsein immanent und findet immer nur zu sich selbst, auch wenn er den Kosmos meint. — Bei Tagore ist das Denken naiv und vertrauend. Als religiöser Künstler findet er in Allem Gott und die Unendlichkeit, als religiöser Denker stellt er als Ziel hin, Gott und die Unendlichkeit immer aufs Neue in sich zu verwirklichen. Erkenntnis ist: sich in Harmonie mit dem Weltall und allen Geschöpfen wissen. Die menschliche Seele ist die menschliehe kleine Welt, die ein Spiegel des Universums ist. Alle Welträtsel werden in der grundlegenden Idee der Einheit und Harmonie des Weltalls gelöst. Göttlicher Geist offenbart sich in jeder Kreatur. Wie sollten also die Teile dem Ganzen widersprechen können? — Der Mensch erlebt in der Liebe die Vereinigung mit der Gottheit; jetzt erst lebt er in Harmonie mit den Welt dingen, wenn er sich bewusst mit dem Weltganzen vereinigt hat. Die sittlichen Maximen folgen notwendig aus der Harmonie mit dem Weltganzen. — Tagore gehört zur grossen Gruppe der religiösen Denker, die einfach* das Göttliche schauen, ohne daran zu deuteln. Das Weltall spricht unmittelbar göttlich zu seinen Sinnen und zu seinem Geist. Seine Vereinigung mit der Gottheit, der Menschheit und aller Natur erlebt er unmittelbar schauend und er findet sich erlöst. Auch die jüdische Philosophie und Mystik hat ähnliche Gedanken entwickelt. Saadja hat eine entsprechende mystisch-religiöse Ein- Stellung; Gabirol erschaut als Gottheit den Urgeist, dem alle Kräfte entströmen und wohin sie wieder einmünden; Bach ja setzt als religiöse Grundlage die beschauliche Vereinigung mit dem Urwresen, wodurch erst die sittliche Verinnerlichung möglich wird; von Späterem gilt das Gleiche. Ueberhaupt muss man sagen, dass sich in der letzten religiösen Erkenntnis־weise eine typische Geisteseinstellung findet. Der ״Urgrund des Daseins“ muss, den Erkenntnisfunktionen des menschlichen Geistes gemäss, in typisch-gleichartiger Weise dem menschlichen Intellekt erscheinen.