Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 412 (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
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412 Moderne westliche Ghettoliteratur Meschummed, Tumult, der grosse Redner verschwindet von der Bühne. Unvergesslich bleibt dem Leser die Beschreibung des Gewimmels in der Petticoat-Lane am 2. Tage vor Pessaeh und noch viele andere lebenstrotzende Szenen. Diese Analyse illustriert am besten die Buntheit und Lebensfülle des ersten Teils des Romans. Man sieht, es ist eine Welt quirlenden Volkslebens, eine Galerie von Genrebildern, alle voll feinster psychologischer Kleinmalerei, mit einem sonnigen heimeligen, liebenswürdigen Humor und ohne Bitterkeit gezeichnet. Doch bei alledem, der I. Teil des Werks bringt nur Genrebilder, nur Skizzenhaftes, ohne festgefügte Handlung. Erst der II. Teil des Werks: The Grandchildren ot the Ghetto erhebt sich zum Range eines kunstvoll geschlungenen Romans mit grossen Konflikten und Spannungen. Die Probleme sind religiöser und nationaler Art. Es ist der Zusammenstoss zweier Welten. Die Kinder der alten Ghettowelt verlassen ihre engen Mauern und bahnen sich einen Weg ins Freie. Es sind die Typen, die wir als Kinder schon im I. Teil kennengelernt haben. Diese Esther Anseil, die inzwischen Romanschriftstellerin geworden, und Josef Strelizky, der Ghettoträumer, jetzt Modeprediger im West-End Londons, sie treten heraus aus dem Bannkreise Whitechapel, wollen sich geistig und physisch befreien, Kampf zwischen den freiheitsdurstenden Seelen des East- End und den trivialen Bourgeois der Besitzerklassen des West- End. Esther und Strelitzky sind die Kämpfer des neuen Idealismus, Esther bekämpft namentlich die reglementierte Wohltätigkeit der Reichen, die im Grunde von dem Eiend der Armen nichts wissen wollen; Strelizky will eine neue Judenheit, Muskeljudentum, einen Agrikulturstaat in einem jüdischen Lande, vereinfachte Religion mit neuem Leben und neuen Gesetzen, Menschheitsreligion, Verinnerlichung, ethische Vertiefung der Gebote oder deren Abschaffung. Ihm tritt Rafael Leon, ein praktischer Idealist und reicher Kulturjude des Westend-