Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 410 (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2292929-2293004-2293009--05235-2298518- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
410 Moderne westliche Ghettoliteratur ander, auch wenn sie aus dem Whitechapel-Viertel längst heraus sind (s. Kinder des Ghetto, II. Teil), bleiben sie Ghettomenschen, Ghettotypen. Suchen wir aus der Fülle der Gesichte einige abgerundete Charaktertypen festzuhalten (wir setzen den Inhalt des Romans bei den Lesern als bekannt voraus): Da ist an erster Stelle Rabbi Schmul Jakobs, streng gesetzestreu bis zum Aeussersten, jedoch schon vom Großstadtgeiste des leisen Zweifels beschlichen, der nicht ungerne ironische Anekdoten über übertriebene chassidische Frömmigkeit anhört, der gutherzig die spöttischen Bemerkungen und Witze des mit allen Hunden gehetzten ״neuhebräischen Poeten“ Melchizedek Pinchas über sich ergehen lässt, obgleich er dessen Frömmigkeit nicht über den Weg traut. Doch praktisch hält Reb Schmul mit unbeugsamer Strenge an den Forderungen des überlieferten Judentums fest. Kein Opfer ist ihm dafür zu gross. Niemals würde er seine Tochter H a n n a h, die schon neumodische Lehrerin an einer englisch-christlichen Schule ist, einem nichtfrommen Schwiegersöhne (David Brandon) geb8n, der den Sabbat nicht hielte. Als in ihm der Konflikt entsteht, ob er Hannah, die einmal eine Stunde verheiratet Gewesene, ihrem Geliebten David Brandon, der K a u h e n ist, zur Frau geben soll, besinnt er sich, als er die Unmöglichkeit ihrer Verbindung durch Zufall erfährt, keinen Augenblick und ruft im Gegenteil heroisch aus: Thank God I know it in time (Gott sei Dank, dass ich es rechtzeitig erfahre). Dies ist die ehrfurchtgebietendste Gestalt des Buches. Da ist Moses A n s e 11, der arme Witwer mit fünf Kindern und einer blinden Mutter; die älteste Tochter Est’her (die später als Schriftstellerin im II. Teile des Romans auftritt), zehnjährig, noch schulpflichtig, dabei aber Hausmütterchen, kocht und sorgt für alles. Vater Anseil ist ein Lamdon, erzieht die Kinder streng religiös, er ist aber ein unverbesserlicher Schlemihl, hat weder Glück noch Stern, ist schon alles gewesen, Glaser, Hausierer, Strassenhändler, Schuhmacher, Lehrer, Sehochet, Schammess, hat überall Schiffbruch gelitten; der älteste Sohn