Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 409 (sequence 67)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2292929-2293004-2293009--05234-2298517- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Moderne westliche Ghettoliteratur 409 Gesprächen, Aussprüchen, Witzen, allerlei Natürlichkeiten ernster und meist heiterer Art uns lebendig bildhaft vor Augen geführt. Ob auch durch diese Fülle der kaum einander ablösenden Bilder, Szenen, Situationen die Komposition des Romans leidet — die Einheit des Milieus und die Identität der jüdischen Lebenssphäre formt und ballt das Zigeunerhaft-Burleske um einen festen Kern und Organismus. Immer bleibt im bunten Gemenge ein Bild, ein Charakter, der sich uns einprägt und die andern beleuchtet, aus der Vielheit wird Einheit. Zangwill erstrebt eine Zusammenfassung aller Typen, die in den bisherigen Ghettonovellen des Ostens in Einzelstudien aufgetreten waren, doch wird u. E. das Einzelbild erdrückt von der Fülle der Nebengestalten. Zangwill schafft einen neuen Typus, seine Lieblingsgestalten sind jene Uebergangscharaktere, die nur das moderne Ghetto hervorbringt, die zwischen Ghetto und Neuzeit schwanken, deren Herz noch für das Ghetto schlägt, deren Kopf und Sinnen aber schon rationalistisch angehaucht und vom Skeptizismus benagt ist (das unterscheidet Zangwills Gestalten wesentlich von denen eines Mendele, Perez, Sch. Alajchem). Ihre Seele wurzelt noch im russischen Ghetto, doch an dem Stamme rüttelt schon der Geist der Moderne, die Weltstadt London scheucht die letzten schnurrigen Käuze des Ghetto heraus, die, verirrten Fledermäusen gleich, von der Tageshelle der Grossstadt geblendet, umherflattern und ihre Nester nicht wiederfinden. Zangwill ist bei seinem Streben nach kleinmalerischer Milieuschilderung, Realist, und doch ist er trotz aller Realistik und Wirklichkeitsanbetung ein grosser Idealist geblieben, ein sentimentalischer Dichter im Sinne Schillers, der seine Gestalten mit dem Griffel der Reflexion und des Gefühls zeichnet. Denn alle diese Bedrückten und Beladenen des East-End sind Träumer, stecken voller Utopien trotz ihres Elends, vor allem vergoldet die Sonne der Religion ihre Elendstage, mit der Religion und ihren minutiösen Forderungen setzen sie sich ihr Lehenlang ausein-