Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 406 (sequence 64)
- Language
- German
- Belongs to
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Moderne westliche Ghettoliteratur 406 immer, wo zutiefst des Dichters eigne Meinung und Sympathie zu suchen ist. Doch muss man hei aller Anerkennung wohl gestehen, dass Zangwill das weit kleinere Genie ist; es fehlt ihm vor allem zum grossen Zeitsatiriker (was die beiden grossen Engländer besitzen) das Suchen nach der grossen sozialen Heils- Wahrheit, es fehlt seiner Ironie der sozialkritische Einschlag und das blitzartig erhellende Genie des grosse Zusammenhänge erfassenden Weltgeistes. Nach dieser Einschränkung muss aber rückhaltlos gesagt werden, dass Zangwill, wenn auch nicht auf dem Gebiete der europäischen Kunst, so doch für die künstlerische Gestaltung jüdischer Menschentypen neue Bahnen aufgezeigt hat. Zangwill findet eine neue Menschenwelt im modernen Londoner Ghettovierte], in Whitechapel, dem East-End der grössten Stadt der Welt. Hier ist der gegebene Boden für die ungezählten ״Humore“ Zangwill’scher Prägung, die *crusted characters“, hier wachsen noch jene Originalköpfe und Doppelnaturen, jene weltverlorenen Schwärmer und Träumer neben den krassesten Realisten und Lebenskünstlern. Im Londoner Ghetto, wo die getretensten, erschöpftesten, unterdrücktesten Juden Russlands eine Zuflucht linden und den ersten Hauch moderner Kultur empfangen, in London, dem Brennpunkt alles Weltgeschehens und aller Lebenserscheinungen der Zivilisation, — da muss der russische Jude gerade mit all seiner aufgespeicherten Intelligenz, mit seiner Rechthaberei und Dialektik und Jahrtausende alten Gefühlsromantik eine auffallendeErscheinung, ein Kuriosum bilden. Es wäre doch ein Wunder zu nennen, wenn nicht durch den Zusammenstoss, zweier Kulturen, der englischen mit der Ghettokultur, manch psychologisches Unikum zu Tage treten würde. Bildet doch der gesetzte, allein auf das W ohlanständige bedachte Brite 8inen einzigen grossen Gegensatz zu dem Ostjuden mit seinem ewig streitlustigen, in tausend Fazetten funkelnden Geist der Talmudlogik! Wie wird sich da der Ostjude «bei seinem Eintritt in das Kulturleben Eng-