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Jeschurun · 1921-09-01 · Heft 9-10 (September 1921) · p. Seite 403

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
8 (1921)
Issue
Heft 9-10 (September 1921)
Date
1921-09-01
Page
Seite 403 (sequence 61)
Language
German
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408 Jakob Wassermanns Weg fehlt. Ihm begegneten Zerfaliserscheinungen — sofort erschlies3t er das Wesen des Judentums aus einem verzerrten Gebilde. Anscheinend ist das bildkünstlerische Erlebnis in ihm so stark, dass er gar nicht zur weltanschaulichen Tiefe vorzudringen vermöchte. Gebärden, Gefühle, soziale Aeusserungen sind ihm letzte Tatsächlichkeiten, deren weltanschauliche Bedingtheit zu entdecken er Unwillens ist. So fehlt ein denkeriscber Zug, ohne den man auch kein umfassender Dichter sein kann. — Ganz gefübl8mässig nur nimmt er zu ganzen Kulturen Stellung; bringt nicht die geistige Kraft und auch Abstraktion auf, um wenigstens vorübergehend von der Erscheinung abzusehen und das ״Wesen״ zu erfassen. Immer neu ergriffen steht er vor jeder Individualität; aber es fehlt der tiefe Bück, der alles Individuelle an eine Notwendigkeit verkettet. — Daher ist ihm Jude-sein eine Existenzform mit gewissen Gebärden, Gefühlen, geistigen Instinkten, menschlichen Eigenschaften usw., ein unklares Gebilde; es fehlt die Erkenntnis einer jüdischen Idee. Jüdisches Wesen bedeutet eine menschlich-geistige Ein- Stellung, die das ganze jüdische Dasein bestimmt. Eine reli~ giöse Denkart bildet sich, die trotz aller Verschiedenheiten einheitliches Gepräge hat und auch das Volksleben durchzieht. Davon ahnt Wassermann nichts. Wie so viele erkennt er im Christentum eine religiöse Wendung, die das Judentum erst vollenden müsste. Aber da ihm der Geist des Judentums verborgen bleibt, verweigern wir ihm die Berechtigung, eine Ent- Wicklung zum Höheren zu behaupten, wo ihm doch das schon rein logisch geforderte Ausgangsglied verschlossen ist. Das ursprüngliche Christentum ist nur eine ethische Komponente, eine ״gefühlsmässige Abstraktion“ des Judentums. Aber Wassermann sieht nur Menschen und keine geistigen Welten. Dies ist seine ganze Unzulänglichkeit. Ueber seine Stellung zum Deutschtum fassen wir uns kurz. Unzweifelhaft hat er zu deutschen Werten ein tiefes Verhältnis. Deutsche Menschen umgeben ihn, in ihnen vermochte er eine gewisse Ewigkeit zu erkennen. Aber das Wert-

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