Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 397 (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom jüdisch-deutschen Volks- und Liebeslied 397 Von nicht geringerer Bedeutung als die Frage nach dem Ursprung dieses Liedes ist die Feststellung der Tatsache, dass solch heisse und stürmische Liebeslieder im 16. Jahrhundert von der jüdischen Masse gekannt und gesungen worden sind. Wir haben da ferner ein anderes altes Liebeslied, das sich in einzelnen Strophen im heutigen Volksgesang noch findet: Ich kam vor mein Feinliebchens Tür, Die Tür war zugeschlossen, Der Riegel war dafür. Feines Lieb und lass mich ein, Ich bin also lang gestanden, Derfroren möcht ich sein. Ich lass dich nicht *herein, Denn du gelobst mir die Treue dein, Dass du mein eigen willst sein. Die Treue gelob ich dir nit, Lieb will ich dich haben, Aber nehmen will ich dich nit. In seinem Grundgedanken: Der vor verschlossener Tür wartende Liebste, dem auf sein Bitten endlich geöffnet wird, und der dann seinerseits dennoch versagt, — wie auch in seinen Einzelzügen hat dieses Lied sein Vorbild im uralten Hochgesang der Bibel auf die Liebe, im Hohen Liede Salomos. (Wie das Hohe Lied die deutsche Minneliteratur beeinflusst hat, ist in einem 1904 in Nr. 726 der Kölnischen Zeitung erschienenen Aufsatz: ״Das Hohe Lied in deutschen Reimen aus dem 13. Jahrhundert״ von mir behandelt worden). Wir lesen im H. L. (5. 2—6): Horch, es pocht mein Liebster: ״Oeffne mir, meine Schwester, meine Traute, meine Taube, meine Fromme, denn mein Haupt ist voll Tau, meine Locken voll Tropfen der Nacht.״ ״Mein Gewand hab’ ich abgetan, 8011 ich’s wiederum anziehn? Meine Füsse gebadet, soll ich sie wiederum beschmutzen?״ Doch mein Liebster winkte mit der Hand durch die Oeffhung der "Tür, und da ward mein Inneres heiss um ihn.