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Jeschurun · 1921-09-01 · Heft 9-10 (September 1921) · p. Seite 392

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
8 (1921)
Issue
Heft 9-10 (September 1921)
Date
1921-09-01
Page
Seite 392 (sequence 50)
Language
German
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892 Vom jüdisch-deutschen Volks- und Liebeslied schichten- und Märchensammlungen ist sie Uebersetzungs-, daneben in Sitten- und Erbauungsbüchern religiöse Literatur; in der Sprache sich langsam zum Dialekt entwickelnd, nach Form und Geist im engen Anschluss an das damalige allgemeine Schrifttum. Auf dem Wege des Fortschritts von diesen primitiven Anfängen bis zu einer aus der «jiddisch״ sprechenden Volksma8se herausgewachsenen, alle Zweige selbständig und eigentümlich umfassenden Literatur im Laufe des 19. Jahrhunderts — auf diesem Wege spielt das jüdisch-deutsche Volks- und zumal Liebeslied eine besondere Rolle. Die Mischung des allgemein Volksmässigen und rein Deutschen mit spezifisch Jüdischem kommt darin am deutlichsten zum Ausdruck. Gewisse, zum Teil ganz alte Lieder werden noch heute vom ostjüdischen Volke gesungen, als wären sie gestern erst entstanden; Spiel-, Rätsel- und Wunschlieder werden in den Judengassen Polens und Litauens, in den Judenvierteln Londons und New-Yorks aus Kindermund gehört, die schon im 15. und 16. Jahrhundert in Deutschland bekannt gewesen sind. Es wäre nun übereilt, den Schluss zu ziehen, dass alle diese Liedchen deutschen Ursprungs sind. Sie gehören grösstenteils zu den universellen Volksliedern, und ihre Verbreitung kann bei fast allen europäischen Volksliedern nachgewiesen werden. Nur dass jedes Volk sie für sein Eigentum hält und sie auf seine eigene Weise singt. — Da ist ein lebendiges und belehrendes Beispiel das uralte Lied vom Zicklein*), das ״mein Vater um zwei Bazzen kaufte״, und das von der Katze aufgefressen wurde, worauf dann in naiver Folge die Katze durch den Hund, der Hund durch den Stock, der Stock durch das Feuer, das Feuer durch das Wasser, das Wasser durch den Ochsen, der Ochs durch den Schlächter, der Schlächter durch den Todesengel und der Todesengel endlich durch den lieben Herrgott selber Strafe und Vergeltung finden. Dieser kindlich geschaute und durchgeführte Kausalnexus ist im jüdischen Passah-Gebetbuch der Aus- *) Vgl. dazu die Einleitung von J. L. C ah an's Sammlung jüd- Volkslieder (New-York 1912). In ihr befinden sich auch die jüdischdeutschen Originale meiner Uebertragungen.

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