Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 390 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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390 Romain Rolland usw. dem Tau der Erkenntnis und in ihren einzelnen Werken die ganze Fülle von Problemen und Lösungen trägt, wie das eben bei Rolland der Fall ist, findet das Ethos wieder Eingang in die Herzen der Menschen. Nicht nur dass alte Lehren abblassen, weil ihnen das bezwingende Gewand verloren geht — selbst die Kulturträger können ihres Organs für diese Weisheit verlustig gehen. So hat sich sogar das jüdische Volk, das so lange schon berufen ist, das Vermächtnis der Sittlichkeit zu hüten, ihr allmählich entfremdet Da kann sogar uns Romain RoDand zum Vorbild werden, und dies bezweckte ich, als ich einiges über ihn und sein Schaffen berichtete, das, wie selten bei Autoren, aus seinem Wesen fliesst. Da wir gegenwärtig so arm an grossen jüdischen Persönlichkeiten sind, dass wir nicht in unserer Mitte die ragende Gestalt erkennen, der wir freudig und rückhaltlos folgen können, so müssen wir freudig Vorbilder allüberall, auch ausserhalb unseres Lagers, suchen und anerkennen. מכל מלמדי השכלתי. Ist auch die Gefahr der Assimilation nicht ganz ausgeschaltet, wenn man sich an fremde Gestalten anlehnt, so ist doch in diesem speziellen Fall damit eine Hoffnung verbunden: man darf annehmen, dass von der Beschäftigung mit Rolland eine Erweckung der latent in uns ruhenden und in unserer Literatur vorhandenen aber verkannten Schätze ethischer Gesinnung ausgehen wird, eine Entfaltung zu neuem Leben. Denn bitter nötig babeh wir eine sittliche Verjüngung. Die Laster der Gegenwart haben auch von uns Besitz ergriffen — ge schweren Schickungen, die unser Volk trafen, mögen manches entschuldigen — und die moralischen Qualitäten sind im Schwinden begriffen. Selbst die Frommen unter uns, die die Thorah zum Massstab von Denken und Handeln machen, verstossen nicht selten gegen eine Reihe der Gebote בין אדם לחברו. Sogar im literarischen Leben herrscht bei uns Gereiztheit, und nicht selten kommt es auf öffentliche Beschämung heraus. Man könnte die vereinzelten Fälle als harmlos für die Gesamtheit registrieren, in Wirklichkeit aber sind sie typisch. Der Parteikampf bei uns beweist zu deutlich, dass wir nicht die Eigen-