Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 389 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Romain Rolland nsw. 389 Schweigen verurteilt ist, weil es ihrem Wesen widerstrebt, mit denselben skrupellosen Methoden zu verfahren wie ihr Gegner. Andererseits ist sie von zu hohem Respekt und zu guter Kenntnis der Gesetzlichkeit der Wirklichkeit erfüllt, als dass sie hoffen könnte, mit Explosivmitteln zu arbeiten. Da gilt dann als Arbeitsprinzip nur das: steter Tropfen höhlt den Stein. Und so findet ein Szenenwechsel statt, und es wird die Aktivität in die Seele hinein verlegt, wo sie, wie viele Beispiele aus der Geschichte der religiösen und ethischen Gestalten lehren, bedeutende Wirkungen entfaltet. Wenn Keyserling sagt, dass der nächste Weg zu sich selbst um die W eit herumführt,8) so gilt in ethischer Hinsicht vielleicht die Umkehrung mit nicht geringerem Recht: der nächste Weg zur Welt führt durch alle Gänge der Seele hindurch. Hier ist wohl die wahre Verwandtschaft zwischen Roll an ds aller Gewalttätigkeit abgeneigter Moral und unserer bei aller Aktivität doch auch zurückhaltenden Pädagogik. Beide führen dahin, die stetige durch keine zweifelhaften und bedenklichen Mittel befleckte Arbeit an sich und den Menschen als Individuen höher zu schätzen als äusserlich grossangelegte, imposante Besserungsversuche, die sich nur zu oft durch skrupellose Methoden desavouieren. Man könnte die Frage auf werfen, warum diese in der jü~ dischen Lehre längst bekannte Weisheit erst auf dem Umweg über Rolland dargestellt werden musste. Doch ist das bald beantwortet: zu jeder Generation spricht mit besonderer Eindringlichkeit nur ein Zeitgenosse, der unter den gleichen Voraussetzungen, in denselben geistigen und sozialen Bedingungen lebt. Er versteht selbst alte, begrabene Weisheit zu beleben, weil er ihr eine aktuelle Gestalt verleiht, die den Inhalt annehmbar macht. Unsere Gegenwart ist gegen alte Lehren stärker als frühere Epochen abgeneigt und misstrauisch, und es bedarf des ganzen Reichtums moderner Kultur und auf Wissenschaff gegründeten Denkens, um das ethische Leben zu formen. Auf dem Umweg über eine hohe Kunst, die gesättigt ist mit 8) Motto zu; Das Reisetagebuch eines Philosophen, Reicht Darm- Stadt 1820.