Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 388 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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388 Romain Rolland usw. Rolland sprechen. Ich bin nicht so töricht, seine Lehren, nur deshalb weil sie im tiefsten sittlich sind, in unserer jüdischen Ethik wiederfinden zu wollen. Dieser moderne Denker schöpft aus gänzlich anderen Quellen. Er lehnt den Offenbarungsglauben ab und bringt ehrwürdiger Tradition nicht die ungeteilte Wert- Schätzung entgegen wie der Anhänger unserer Lehre. Die Tradition, die dem Neuen, Wertvollen den Weg versperrt, die neue Schöpfungen hemmt, verwirft er. Tradition ist ihm mehr Oberton denn der Grundton, mehr formbedingendes Prinzip als ein Inhalt. Musik und die unvergänglichen Schöpfungen der Grössten Italiens, Frankreichs und Deutschlands sind die Quellen seiner Denkart. Er ist ein durchaus eigenwilliger, freier Geist. Aber er stimmt in einer wichtigen Angelegenheit mit unserer religiösen Auffassung überein: in der Abkehr von der •fatalistischen Unterwerfung unter das blinde Walten der bis nun als wirksam angenommenen Faktoren. Wenn irgend etwas für ״aktive״ Ethik und wirksame Religiosität, wie sie doch in unserer Lehre gerade zum Ausdruck kommt: לא המדרש ע*קי אלא המעשה, bezeichnend ist, so ist es doch die Ueberzeugung und der tollkühne Versuch, dass man Naturgesetzlichkeit umwandeln bezw. aufheben kann, dass das Sollen als die Existenzform ethischer Satzungen bei seiner Aktualisierung umgestaltend auf das Sein (im naturwirklichen unmetaphysischen Sinn) der Natur bezw. Seelenordnung und also auch auf die Struktur der Gesellschaft wirkt. So ist Rollands Streben, das ja ebenso wie der geschichtliche Weg unseres Volkes und seiner Lehre nach dem Masstab der Welt eine ununterbrochene Kette von Niederlagen aufweist, so wirklichkeitsfremd wie nur irgend eine Religion. Aber nur dies Wagnis, die Welt nicht durch kleine Reformen zu verbessern sondern sie in ihrem Innersten zu ändern, ist dazu bestimmt zu siegen. Es besteht ein auffälliger Kontrast zwischen der Passivitat, zu der diese Anschauung in praxi meist führt, und der vita activa, die sie doch von innen, von der Seele her gesehen bedeutet. Aber der Widerspruch löst sich einigermassen, wenn man bedenkt, dass die aristokratische Ethik nur deshalb oft zum