Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 372 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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372 Die modernste Deutung usw. darf man ihr diese Leistung etwa deshalb absprecken, weil der Erzähler sie nicht ausdrücklich mit Worten voll Selbstruhm hervorgehoben hat? Das hat er ja auch bei dem Furchtgefühl (3, 8.10) nicht getan, und dessen Ableitung aus dem sich geltend machenden Schuldbewusstsein kann ihm ja niemand abstreiten. Das einzige gerechte Urteil ist dies, dass in der Erzählung ein feinsinniges Beobachten der seelischen Vorgänge liegt, wie neuerdings auch von anderen hervorgehoben worden ist, und wie man leicht im einzelnen nachweisen kann. Man beachte nur, dass der Erzähler berichtet, wie die einzelnen Teilnehmer am Zustandekommen der ersten menschlichen Pietätsverletzung die Schuld immer von sich auf einen andern abzuwälzen suchen: Also tue man dem Erzähler kein Unrecht, indem man die im Texte stehende Verbindung von Pflichtverletzung (3, 8) und Erwachen des Schamgefühls (V. 7) als eines ersten Anzeichens des aufdämmernden Schuldbewusstseins, aus dem dann das erstmalige (!) Sich fürchten vor dem Gesetzgeber (V. 8) folgte, aus dem Texte streichen will!1) Wie auch wäre das natürlich gewesen, dass, wie es in jener oben zuletzt zitierten neuen Behauptung heisst, dem Wissen von der Vereinigung der Geschlechter das Schamgefühl gefolgt sei? Um das zu erklären, beruft man sich auf einen Erklärer des Mittelalters, der vom Baume der Erkenntnis sagte: ״Seine Frucht erregte die Sinnenlust, weshalb sie ihre Nacktheit bedeckten, nachdem sie von ihm gegessen hatten“. Aber da beruft man sich auf jemand, der auch schon seinerseits den Zusammenhang zwischen Schuldbewusstsein und Schamgefühl verkannte und deshalb die Frucht vom Baume der Erkenntnis falsch als ein erotisches Reizmittel hinstellte. Durch solche den Text- Zusammenhang (3,6 f. 8) verkennende Auslegungen kann der vom Erzähler in der Aufeinanderfolge seiner Aussagen ausgeprägte Gedanke nicht beseitigt werden, mögen die Auslegungen auch noch älter sein. Sie würden dem Texte nicht gerecht, selbst wenn sie ferner dem wirklichen Gange der menschlichen 1)Vergleiche auch das Korazische ,.Nullä pallescere culpa“ (Epistulae 1.1,61)1