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Jeschurun · 1921-09-01 · Heft 9-10 (September 1921) · p. Seite 371

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
8 (1921)
Issue
Heft 9-10 (September 1921)
Date
1921-09-01
Page
Seite 371 (sequence 29)
Language
German
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Die modernste Deutung usw. 871 Dieses Bewusstsein dämmerte aber mit psychologischer Notwendigkeit aus der Erfüllung bzw. Verletzung der gebotenen Pflicht empor. Aber die Vertreter der sexuellen Auslegung von 1. Mos. 9 fl. meinen ja, ihre Anschauung noch aus andern Bestandteilen des Textes positiv begründen zu können. Gleich hinter der soeben beurteilten Deutung des Essens vom Baume des Erkennens von gut und böse knüpft man an die Worte: ״Als sie gegessen hatten, da öffneten sich ihrer beider Augen, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren“ die Behauptung: ״Das Wissen von der Vereinigung der Ge* schlechter hat sich ihnen offenbart, und diesem Wissen folgt das Schamgefühl״ (S. 21). Aber diese Behauptung beruht erstens auf einer Zusammenwerfung verschiedener Dinge. Denn das Erkennen des Nacktseins ist etwas anderes als das Wissen von der Vereinigung der Geschlechter. Die Vereinigung dieser beiden Dinge ist ein Gewaltakt, der die sexuelle Deutung durchführen helfen soll. Zweitens beruht jene Behauptung auf dem Verkennen der tiefen Auffassung vom Ursprung des Schamgefühls, die in jener biblischen Erzählung enthalten ist. Nach ihr ist das Schamgefühl das erste Flammenzeichen des entbrennenden Schuldbewusstseins, dessen zweite Aeusserung dann die Furcht vor dem Richter ist, wie sie in dem Sichverstecken (3, 8) sich unwillkürlich kund gab. Denn die in V. 10 stehende Begründung des Sichversteckens, nämlich ״weil ich nackt bin״, ist ja eine offenbare Verlegenheitsäusserung, da die Nacktheit bereits bedeckt ist (3, 7). *) Ein Wunder ist es freilich nicht, dass die biblische Erzählung in diesem Punkte von manchem Auge verkannt wird. Denn eine geradezu grossartige Leistung auf dem Gebiete der ״Psychoanalyse״ und sittlichen Diagnose ist es, wenn da& Schamgefühl als ein Symptom des erwachenden Schuldbewusstseins aufgefasst wird. Oder 1)Dies ist auch noch von A. Gereon, ״Die Scham“ (1919 unter den Abhandlungen aus dem Gebiete der Sexualforschung erschienen^ S. 18 f. ganz übersehen worden.

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