Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 358 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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358 Samson Raphael Hirsch als Erzieher Es leuchtet der Mond. Mild strahlt sein silbernes Licht. Eines Säuglings Auge erträgt seinen Strahl, und spielend greift eines Säuglings Hand nach dem freundlichen Licht. Mild dämmernd hält er Wacht über die schlafende Erde und gesellt sich als freundlicher Führer zu dem Wanderer in der Nacht. Bescheiden entzieht sich dem Forscherblick sein stilles Wirken in dem Trieb der Kräfte, in der schwellenden Woge, in den Schwingungen der Nerven, und nicht immer und nicht in stets gleicher Fülle grösst uns sein Licht. In stetem Wechsel steigt und fällt seine iichtige Grösse, wächst aus völligem Dunkel zur ganzen Lichtfülle empor und ringt sich durch die Phase gänzlichen Yerscheidens immer wieder zu neuem Wachsen hinan. Sein Reich ist die Nacht, doeh weicht er auch nicht vor dem Tagesstrahl der Sonne. Vom Sonnenglanze verdunkelt, vollbringt er gleichwohl mitten unter der Tagesherrschaft der Sonne, still und bescheiden die eigene Bahn. Ist bald ein stiller Begleiter der Sonne, und steigt bald herauf, wenn die Sonne gesunken. Und diese liebliche Weise schwillt an zu immer Tolleren Akkorden, und Sonne und Mond, ״die verschiedenen Grössen״, werden zum Symbol der Völkergenien von Esau und Jakob. Wehmut und Lust, Wonne und Schmerz ertönt in den ergreifenden Klängen jener Ijarbetrachtung zum 2:אב הרחמים) Eine dunkel-lichte Zeit, mit ihren Schrecken und ihrem Erhabenen, mit ihrer Verzweiflung und ihrer Seligkeit, mit ihrem todumüorten Leben und ihren lebendurchdrungenen Toten — steigt alljährlich mit diesen Worten aus dem Grabe der Vergangenheit in die frisch pulsierende Gegenwart. — Was wollen die Toten unter den Lebendigen? Sie wollen sie zu ihrem Tode und ihrem Leben begeistern. Aber Wehmut und Lust lösen sich, sie verschmelzen zu dem spornenden Gefühl, zu dem willenskräftigen Trieb, den Ahnen gleich zu weräen7 die Hirsch nun schildert im Gegensatz zu den lauen Bekennern des Judentums seinerzeit: ״Sie hatten einen Eigner und kannten seinen Willen, sie kannten ihren Hort und wussten sein Verlangen״. Wir können hier auf beschränktem Raume nur wenige Beispiele vorführen. Jedem Kenner der Schriften ITirschs werden sich viele andere bieten. Ich erinnere in diesem Zusammenhang besonders an die Nissanbetrachtung3): ״Werden sie wieder aufleben, die dürren Gebeine?״ Auch hier aus niederdrückenden 2) Ges. Sehr. III S. 152. ף Ges. Sehr. II S. 72.