Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 355 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Samson Raphael Kirsch als Erzieher 355 Denken (wie spekulative Philosophen es so oft gefordert haben) existiert nicht. Nur vermöge der mit allen Vorstellungen und Gedanken verbundenen Gefühlselemente wfrd die Erkenntnis eine Macht in der Seele. Es ist psychologisch falsch, wenn man so oft von dem Streit der Vernunft mit den Leidenschaften spricht. Direkt kann ein solcher Streit gar nicht stattfinden. Ein Gedanke kann ein Gefühl nur dadurch verdrängen, dass es ein anderes Gefühl erregt, das im Stande ist, jenes zu beseitigen. Wenn man vom Kampfe der Vernunft mit der Leidenschaft redet, so wird ein Kampf gemeint zwischen den mit vernünftigen Ptücksichten verknüpften Gefühlen und heftigeren mit weniger Gedankenelementen verbundenen Gefühlen, die man;mit dem Ausdruck Leidenschaft bezeichnet. Ein Gefühl kann sehr stark und innig sein, ohne heftig zu sein, wird aber dann häufig übersehen. Die mit ideellen Zwecken und Verhältnissen verknüpften Gefühle sind weit weniger als die primitiven, mit den physisehen Lebensfunktionen verbundene Gefühle im Stande, äugenblicklichen Effekt und plötzliche Aufwallung zu bewirken. Die ideellen Gefühle sind mehr über grössere Zeiträume^ verteilt und wirken mehr im Verborgenem Und dennoch sind sie im Stande, sich Schritt für Schritt des Mittelpunktes der Seele zu bemächtigen, und die angesammelte, ursprünglich vgü jenen Trieben beherrschte Energie in ihren Diensten zu benutzen. — Das innige Verhältnis zwischen Gefühl und Wille aber ist mit der Tatsache gegeben, dass nur ein starkes lebhaftes Gefühl Motiv des Willens ist. Erkenntniselemente an und für sich führen nicht zur Willensbewegung. Also Gedanken vermögen den Willen nur zu bestimmen, wenn sie den Umweg nehmen über das Gefühl• Freilich eine stete Inanspruchnahme des Gefühls schädigt seine Frische und Lebendigkeit. Das gilt aber mehr von den elementaren Gefühlen, von denen, die durch einfache und sinnliche Reize erzeugt oder von denen, die stets mit den gleichen Mitteln und in gleicher Form angeregt werden. Die ideellen Gefühle aber, d. h. diejenigen die mit einem grösseren oder kleineren Kreise von Vorstellungen verknüpft sind und diejenigen, die durch neue