Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 354 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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354 Samson Raphael Hirsch als Erzieher Ich habe in einem anderen Zusammenhang ausführlich gezeigt, wie von den Propheten bis herab auf die neueste Zeit alle Führer in Israel, die einen entscheidenden Einfluss auf ihr Volk geübt, die nicht nur theoretisch sein Wissen gemehrt, sondern es durch ihr Wort auch fortgerissen zur opferfreudigen Hingabe an Gott und sein Gesetz, dass diese alle, was sie an Gedanken gaben, durch das Medium des Gefühls fruchtbar machten für den Willen. Ich will zum leichteren Verständnis des folgen״ den hier in aller Kürze noch einmal sagen, weshalb diese Tat״ Sache in psychologischen Gesetzen begründet ist. Es hat in einer früheren Zeit an einer klaren Einsicht in das Verhältnis der Seelenkräfte gefehlt. Man war der Meinung: die Erkenntnis, dass etwas unrecht sei, das völlige Verständnis für das Wesen der Sünde würde dem Menschen das Unrecht der Sünde unmöglich machen. Man glaubte eben, der Verstand wirke unmittelbar auf den Willen und übersah die Mittelglieder, die1 häufig allerdings unter der Schwelle des Bewusstseins, zwischen dem Denken und Wollen die Kette schiiessen. Diese unentbehrlichen Mittelglieder nun sind in dein Gefühlsleben des Menschen gegeben. Die Welt der Gefühle ist psychologisch freilich noch wenig erforscht, darüber aber herrscht ziemliche Uebereinstimmung, dass das Gefühl im Seelenleben die entscheidende und wirksamste Rolle spielt. Was jedem einzelnen geistigen Zustande seinen eigentümlichen Charakter verleiht, ist vorzüglich die Stimmung, die während desselben herrscht, ihn bestimmt und durch ihn bestimmt wird. Ebenso wie bei den unmittelbaren Empfindungen spielen auch bei dem Verlaufe der Vorstellungen das Interesse und die durch das Interesse bestimmte Aufmerksamkeit eine wesentliche Rolle. Ebenso beruht die Stärke der Vorstellung auf ihrem Verhältnis zum Gefühl. Aber auch hei aller Unabhängigkeit von den praktischen Bedürfnissen und den Forderungen des Augenblicks ist das Denken dennoch stets mit einer gewissen Stimmung verbunden. Es sind Gefühlselemente vorhanden, die nur so leicht übersehen werden, wenn sie sich nicht in den Vordergrund drängen, sondern sich dem Spiel der Gedanken unterordnen. Ein durchaus gefühlloses