Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 353 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Samson Raphael Hirsch als Erzieher 358 die Betrachtungen betitelt, die im Besonderen freilich an die Gespräche anknüpfen, in denen er mit Reisegenossen über die trübe Gegenwart des Judentums, über seine Aufgaben und Ziele sich auseinandersetzte. Aber wie bricht da immer die innige unausrottbare Liebe zur Natur hervor. Eine Stelle von vielen: .,Was waren unser» alten Rabbiner für andere Männer! Wie haben -sie in Gottes herrlicher Natur geatmet und gefühlt, gedacht und gelebt! Wie haben sie unseren Sinn für alles Erhabene und Schöne in der Schöpfung wecken wollen! Wie wollten sie aus Morgenstrahl und Abendröte, aus Tageslicht und Schattennacht, aus Sternenscbimmer und Blütenschmelz, aus Meeresrauschen und Donnerrollen und Blitzesflng uns den Kranz der Verherrlichung unserem Gotte winden lehren; wie wollten sie in jedem Geschöpfe einen Prediger seiner Macht, einen Mahner an unsere Pflicht uns zuführen. Zu welcher Gottesoffenbarung haben sie das Buch der Natur uns gemacht\u * * * Das Genie ist ein Stück Natur, ursprünglich wie die Natur־ und schöpfend aus der Natur. Aber Hirschs Wirksamkeit, seine Wirksamkeit als Menschenbildner allein aus seinem Verhältnis zur Natur erklären zu wollen, wäre natürlich durchaus verfehlt. Ist es doch der Geist des Judentums, der Geist des göttlichen Gesetzes, den er in den Mittelpunkt ׳ all seiner Betrachiungen stellt. Ist doch die Naturbetrachtung für ihn nur eines der Hilfsmittel, um das Gottesgesetz in seinem Sinn zu deuten. Und haben doch die ״Stubenhocker, die die Gottesherilichkoiten auf Erden nie geschaut“ nicht minder im Bann der Persönlichkeit und der Gedankenwelt Hirschs gestanden! Er hat Seelen geschaffen. Darum musste er seelenkundig sein. Und in der Tat, jeden grosse Menschenbildner, jeder grosse Erzieher ist ein grosser Psychologe. Nicht in dem Sinne, dass er die Systeme der Psychologie beherrscht, nicht einmal in dem Sinne, dass in ihm eine genaue Kenntnis aller Schwächen und Leidenschaften, aller guten Keime und Triebe des Menschenherzens lebt und er nun systematisch und bewusst die guten Keime pflegt und die Schwächen nutzt. Der grosse Menschenhildner spielt das Seeleninstrument der ihm Anvertrauten wie ein grosser Künstler. Er schafft die Harmonien nach Gesetzen, die wir nachträglich — vielleicht — ableiten und feststellen können, von denen er selbst aber nur Weniges weiss.