Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 350 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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350 Samson Raphael Hirsch als Erzieher gestörte Harmonie. Und der Mensch? Und die Menschheit? Sie sollte die Krone der Schöpfung sein, in ihrem Wirken und Streben eine zweite Natur, eine noch herrlichere erstehen lassen, sie sollte dem ihr gewordenen Gottesgesetze in Freiheit sich beugend aus eigener Kraft eine Harmonie schaffen, in der Himmel und Erde sich vermählte, Seele und Körper, Geist und Natur zu einem wunderbaren Gebilde sich Zusammenschlüsse. Aber noch gilt das Dichter wort: ״Die Welt ist vollkommen überall, wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual״. Denn wir sind von der Natur abgefallen, von unserer Natur, von den Gesetzen, die allein unser Wesen so gestalten können, wie es in Gottes Plan lag, da er den Menschen in Seinem Ehenbilde schuf, dass er Sein Stellvertreter sei auf Erden, dass ״das reine Gottes Willen vollbringende Wirken des Menschen die Gottheit enthebe des Niedersteigens zur Erde, sie enthebe des unmittelbaren Voilbringens ihres Willens im irdischen Kreise“. Und nicht eher wird die Schöpfung in ihrer Vollendung erstrahlen, als bis wir an der Hand der göttlichen Lehre ein anderes Dichterwort beherzigen: ״Suchst du das Grösste, das Höchste? Die Pflanze kann es dich lehren! Was sie willenlos ist, sei du es wollend! Das ist’s!“ Die Ufer der Havel im Schimmer der Abendröte. Ringsum ein Kranz von Waldeshöhen in allen Farbennüancen des Grün. Unten die leicht gekräuselten Wellen im funkelnden Rot. Und am Fusse der Hügel die Häuser der Reichen, Marmorbilder lugen hier und dort aus dem Grün des Waldes hervor, und auf einzelnen Höhen in stolzer Pracht, in antikem Gewände die Schlösser des preussischen Königshauses. Schönheitstrunken um״ fasst der Blick diesen Erdenwinkel, den Kunst und Natur mit soviel Anmut geschmückt. Dies Bild wird mir zum Symbol. Ich sehe Hellas vor mir mit seinen Tempeln und Statuen, seinen Festen und Gesängen, der Musik seiner Sprache und dem zwingenden Zauber seiner Dichtung. Warum ward nicht uns die Lebensfreude und der dem Glücke des Diesseits zugewandte Sinn des Hellenen? Und der ״Jeschurun“ gibt die Antwort. Die Kislewbetrachtung ״Der Hellenismus und das Judentum4"