Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 348 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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343 Samson Raphael Hirsch als Erzieher Tolle Lied der Windsbraut und das Jagen und Treiben der phantastischen Wolkengebilde. Ich wandere durch eine roman״ tische Schlucht. Immer schauriger gestaltet sich die Umgebung, immer steiler schlängelt sich der Pfad, die Bäume dicht aneinandergereiht, wuchernder Pflanzenwuchs, kein Sonnenstrahl fällt hinein. Dunkel umfängt mich, Totenstille ringsumher. Tief unter mir in gespensterhaft düsterem Scheine ein Gewässer. Da schimmert es hell durchs Gebüsch, ein Schritt und tief aufatmend begrüss ich das Sonnenlicht. Und ich greife zum ״Jeschurun* und lese die Thischribetrachtung: ״Des Juden Katechismus ist sein Kalender44 und mich umfasst ein unendliches Sehnen, den werbenden, mahnenden, lockenden Worten durchs Leben zu folgen, durch Nacht zum Licht mich durchzuringen, ״von Morgen zu Morgen, von Frühling zu Frühling zu zählen44, dass auch mein Tag sei ״ein Tag der mit dem Morgen anbricht und zum Mittag steigt und mitten durch die Schatten der Nacht doch sicher wieder zum Morgen geleitet44. Ich kenne kein Produkt der nachbiblischen jüdischen Literatur, das in einer einzigen Betrachtung eine solche Fülle von Gedanken, einen so unerschöpfliehen Stimmungsgehalt gegeben, wie diese Thischribetrachtung. Ist’s ein Wunder, dass sie mir, an diesem Orte in dieser Zeit gelesen, unvergesslich geblieben, in ihren Wirkungen für mein Seelenleben nicht zu berechnen ist? Ein anderes Mal: Ich habe die höchste Erhebung eines Waldrückens erstiegen. Auf dem Sammetboden von schwellendem Moos hingelagert, blicke ich nach oben in das azurne Blau des Himmelsgewölbes, und durch eine Lichtung schweift das Auge über den See bis dahin, wo Himmel und Erde sich küssen, wo die verschwimmende Linie des Horizont die Ahnung eines Unendlichen weckt. Nicht in der Studierstube über den scholastischen Beweisführungen der Alten brütend oder über den Hirn und Mark aussaugenden Systemen der neueren Philos.ophen gebückt, hier im Angesicht des Himmels und der Erde wird die Unendlichkeit des Raumes, die Ewigkeit der Zeit zur lebendigen Vorstellung. Und ich lese im ״ Jesciiurun* den Weckruf: ״Der Jude und seine Zeit44 und zum unverlierbaren Besitz