Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1921)
- Date
- 1921-07-01
- Page
- – (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
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Moderne westliche Ghettoliteratur 319 Jude mit Vorzügen, ist eben kein Jude mehr, er ist völlig dogmenfrei und religionslos.) ln seiner Absicht höchster Realistik und Wahrheit nimmt Heyermanns den Juden der Gegenseite alles, aber auch alles Liebenswerte und übertreibt masslos deren Fehler. (Selbst der um Versöhnung werbende Rabbiner ist eine Karrikatur.) Rafael will das christliche Dienstmädchen des Hauses heiraten, das ist der Konflikt im Stücke, die Angehörigen weigern sich, aus religiösen und noeh mehr aus praktischen Er« wägungen: gut! Ist aber ein solcher Konflikt zwischen Stand und Stand, Religion und Religion nur bei Ghettojuden möglich? Ist nicht zahllose Male der Zusammenstoss zwischen zwei Ehrauffassungen, zwischen Standesehre und Persönlichkeit, Offiziers- und Bürgerehre, Vorder-u. Hinterhaus, (s. Sudermanns ״Heimat־") Kasten vor urteilen, moralischen Forderungen u. s. w. zum Gegenstand dramatischer Verwicklungen gemacht worden? Was hat das im Grunde noch viel mit Ghettogeist, Ghettomoral zu tun? — Der Grundwert des Heyermannschen Stückes als Ghetto- Schilderung liegt vielmehr in den wirklich photographisch und ethnographisch treu gezeichneten Nebenfiguren des alten Vaters, seiner Schwester und seines Geschäftsfreundes mit all ihren Eigenheiten und Gewohnheiten, sie sind wirkliche Ghettofiguren, blut- und lebenstrotzend in der Verkrüppelung der Seelen 1und Engherzigkeit ihrer Lebensauffassung. Diese grenzenlose Geldliebe, dieses Erwerben um des Erwerbs willen, dieses Kleben und Anbeten des Erfolges und der Knifflichkeit, diese Vorliebe für krumme statt gerade Wege — dies sind leider wahre Ghettozüge. Ihre Träger, wenn auch vereinzelt auftretend, tragen das Brandmal der Sklavenseele auf ihrer Stirne und können einem neuen, der Ghettoenge entrungenen Geschlechte als Warnung und Mahnung dienen. Heyermanns bedeutet in der westlichen Ghettoliteratur den Höhepunkt der Anklagedramatik und R e a - 1 i s t i k. So schonungslos, so drastisch hsit vor und nach ihm keiner die Versklavung der Geister und Seelen im modernen Ghetto geschildert. (In seinem nicht minder realistischen Ein-