Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1921)
- Date
- 1921-07-01
- Page
- – (sequence 56)
- Language
- German
- Belongs to
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818 Moderne westliche Ghettoliteratur solcher Hass und innerer Abscheu vor der Geschäftsmoral und Praxis gewisser Kreise des Ghettojudentums zum Ausdruck gekommen, nirgends hat sich so unverhüllt das Aufbäumen einer geknechteten jüdischen Kaste gegen die Gewalt der Andersgläubigen als letzter Best mittelalterlicher Absperrung so ausgetobt wie in diesem Drama. Gott sei gedankt, so können wir sagen, dass solche Geschäftspraktiken beiden deutschen Juden und bei den Juden anderer Länder, soweit wir sie kennen, zu den seltensten Ausnahmen gehören. Aber auch für die Amsterdamer Judenheit können wir nicht glauben, dass Ge״ stalten wie Sachel mit seinen raubtierartigen Instinkten zu den alltäglichen Erscheinungen gehören. Eher sind wir zu der Annähme berechtigt, dass Sachel und Aaron (auch die chris t’- liehen Kaufleute Amsterdams nach Meinung des Verfassers!), ebenso wie auf der Gegenseite der ideale Jüngling Eafael als freie Produkte der zum Extremen neigenden Phantasie Heyermanns entsprungen sind. Ueberhaupt lässt sich über die dramatische Schlagkraft und Wahrscheinlichkeit des Stückes sagen, dass zwar viel echtes Leben und theatralisches Geschick darin steckt, doch in seinem Haupteffekt ist es verfehlt. Da ist Eafael, der Held, Vertreter des neuen Glaubens, Künder der Menschenverbrüderung, wo es keinen Juden- und keinen Christengott mehr geben soll; dieser Eafael ist aber so unglaubwürdig wie möglich gezeichnet, ein verstiegener, schemenhafter Idealist mit viel Deklamationstalent, mit Forderungen ganz abseits des realen Lebens (so z. B. seine Verurteilung jedes Handels und aller Geldgeschäfte!). Da ist die zweite Hauptfigur, seine Geliebte, das Christenmädchen Kose, die um unsere Sympathie wirbt, die wie eine Gartenlaubengouvernante so edel und unschuldsrein spricht, aber unsrem Gedankenkreis so völlig fern steht, dass wir ihren Tod nur als eine fatale U e b e r - eilung, als dramatischen Irrtum empfinden. Auch ist es als ein Akt höchster poetischer Ungerechtigkeit zu bezeichnen, dass der Dichter allen Schatten auf die jüdisch-gläubige Welt verteilt hat. (Denn Eafael, der einzige