Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1921)
- Date
- 1921-07-01
- Page
- – (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
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Moderne westliche Ghettoliteratur m 817 solch wirklichkeitsfernen Forderungen, was lässt ihn mit Abscheu von seinem Vaterhause und seinen Volksgenossen sich abwenden? Der Dichter häuft alle Greuel auf die Ghettojuden; Der blinde Sachel hat wiederholt beim Abwiegen einiger Ballen Ware den Fuss heimlich auf die Wage gesetzt und so den nichtsahnenden Käufer betrogen. Sachel hat mit dem Mitleid andrer schändlichen Missbrauch getrieben. Aus dieser Einzelmissetat schmiedet Heyermanns eine tendenziöse Anklage gegen das ganze Volk. Rafael fühlt sich bedrückt von der Enge der menschenunwürdigen Häuser und Winkelgässchen, abgestossen von dem Moder und Kehricht ringsum, von dem Schachergeist und -geiz der Trödeljuden, von der erbarmungslosen Engstirnigkeit seiner Hausgenossen, die auch ihn selbst als eine ״gute Partie״ verschachern wollen an Rebekka, Aarons Tochter, die einen Kuhhandel schliessen wollen und nur über den Preis sich nicht einig werden können. Rafael hat gar kein Talent fürs Handelsgeschäft, er ist ein verlorner Träumer, der tagsüber auf den Gräbern des Friedhofes herumirrt; er fühlt sich als ein Bürger einer besseren Welt, wo Glaubensunterschiede zwischen Juden und Christen fallen, einer höheren Gesellschaftsmoral, ohne religiöses Beiwerk. Hier stehen sich in Vater und Sohn zwei Charaktere unüberbrückbar gegenüber, Rafael, der Ethiker mit der idealen Forderung, und Vater Sachel neben allen seinen Glaubensgenossen, für die Handel Handel bleibt, das heisst den andern übervorteilen, geschickter, gerissener sein als der andre. ,Heisst das Diebstahl", sagt Ester, Sachels Schwester, wenn man für sein Brot stiehlt? Dann gibt es in der ganzen Stadt keinen ehrlichen Juden und keinen ehrlichen Christen. Der eine stiehlt so, der andre so. Kein Mensch ist. ein Dieb in seinem eignen Geschäftete.״ (Akt I, 6. Szene). Mit diesen furchtbaren Worten ist ein Höhepunkt der Anklage gegen das Verheerende des Ghettogeistes mit fast nicht zu überbietender Deutlichkeit, wenn auch in nutzlos übertriebener Form, erreicht. Nirgends in der jüdischen Literatur ist ein